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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.04.2013

Abrechnung mit dem Medienbetrieb

Christiane Neudecker: "Boxenstopp", Luchterhand, München 2013, 256 Seiten

Die Welt des Rennsports - eine Scheinwelt (picture alliance / dpa /LaPresse Alquati)
Die Welt des Rennsports - eine Scheinwelt (picture alliance / dpa /LaPresse Alquati)

Christiane Neudecker erzählt in ihrem zweiten Roman das Vorher- und Nachher-Leben einer geschassten TV-Moderatorin. Schonungslos ist dabei die Analyse der Medienwelt, spannend die Handlung, ein wenig kitschig aber der Schluss.

Was fängt man an, wenn das Leben plötzlich in die Brüche geht? Job weg. Beziehung futsch. Totalschaden. Anne ist eine erfolgreiche Fernsehmoderatorin: Professionell, jung, attraktiv. Aber dann übernimmt sie für einen großen Autokonzern die Präsentation eines Luxussportwagens. Auf der ehemaligen Formel-1-Strecke im portugiesischen Estoril wird das schicke Auto in einem mehrwöchigen Megaevent Händlern aus aller Welt vorgeführt. Als sie einen einflussreichen Automanager, der sie heftig bedrängt, zurückweist, wird aus einer beruflichen Herausforderung ein Fiasko. Der gekränkte Macho vernichtet Annes berufliche Karriere. Die Journalistin, die sich das aufdringliche Gebalze - auch aus Berechnung - eine Zeit lang gefallen ließ, gerät in eine schwere Lebenskrise.

Christiane Neudecker schlägt in "Boxenstopp", ihrem zweiten Roman, eine ganze Menge Funken aus dieser nicht ganz ungewöhnlichen Rahmenhandlung. Die Ich-Erzählerin Anne nimmt ihr zum Teil auch selbstverschuldetes Schicksal an und wagt einen Neustart. Dazu kehrt sie an den Ort ihrer Demontage zurück. Bei ihrem zweiten Aufenthalt in Estroril eröffnen sich ganz neue Perspektiven. Jetzt liegt die Rennstrecke still und verlassen in der kargen Schönheit der Umgebung. In dieser idyllischen Abgeschiedenheit erscheint der grell aufgedonnerte Medien- und PR-Zirkus, der hier vor kurzem noch tobte, immer absurder. Um diesen Kontrast deutlich zu machen, benutzt die Autorin erzählerische Rückblenden.

Diese Brüche geben der Geschichte Tiefe. Anne war ein Teil dieses mit Intrigen, Gier und Berechnung geschmierten Getriebes. Auch sie hat in dieser Auto-Macho-Männerwelt manipuliert, war übergriffig, weil sie an ihr eigenes Fortkommen dachte. Aber jetzt will sie nicht mehr dazugehören.

"Boxenstopp" ist nicht nur die spannende Erzählung eines menschlichen Neuanfangs. Wie durch ein Brennglas fokussiert zeigen die Ereignisse auf dem Rennkurs auch Zustände und Auswüchse in der modernen Arbeitswelt: Dauerüberlastung, rücksichtsloser Konkurrenzkampf, Sexismus, Burn-out. Oft entlädt sich der Druck in Exzessen.

Gleichzeitig erzeugt Christiane Neudecker gekonnt Atmosphäre. Mit ihren präzisen Beschreibungen der exzessiven PR-Partys der Automanager, die sehr an die VW-Korruptionsaffäre um Peter Hartz erinnern, und den ebenso bestechend scharfen Beobachtungen aus dem Rennfahrerlager liefert Christiane Neudecker einen starken Gegenpol zu den psychologisierenden Innenansichten der gefallenen Heldin Anne. Zwar gerät der Schluss, als sich Anne an eine starke Rennfahrerschulter anlehnen kann, etwas kitschig. Aber das fällt bei so viel vorangegangener schonungsloser Selbstanalyse eigentlich gar nicht mehr ins Gewicht.

Besprochen von Thomas Jaedicke

Christiane Neudecker: Boxenstopp
Luchterhand, München 2013, 256 Seiten, 18,99Euro

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