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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.02.2009

Abrechnung mit Bulgarien

Sibylle Lewitscharoff: "Apostoloff", Suhrkamp Verlag 2009, 247 Seiten

Sonnenaufgang in der bulgarischen Haupstadt Sofia
Sonnenaufgang in der bulgarischen Haupstadt Sofia (Stock.XCHNG / Katia Stamenova)

Der Roman "Apostoloff" ist ein Roadmovie auf der Überholspur des Zorns. Eine Autoreise durch das heutige Bulgarien. Eine wüste Tirade und literarische Gardinenpredigt. Mit rhetorischer Cholerik rechnet die Erzählerin mit ihrer alten Heimat ab: seiner Politik, seiner Architektur, seinen Menschen - und seinem Essen.

Dieser Roman ist ein Roadmovie der besonderen Art, eine Autoreise durch das heutige Bulgarien. Im Wagen - einem Daihatsu - sitzen drei Personen: der bulgarische Fahrer namens Rumen Apostoloff und zwei deutsche Schwestern, die eine auf dem Beifahrersitz, die andere auf der Rückbank. Eine Position, die ihr sehr behagt, da sie, wie sie selbst sagt, ihr "Gift lieber von hinten einstreut". Und davon hat sie genug. Gift und Galle spuckend lässt sie sich durch das postkommunistische Land chauffieren, dem Heimatland ihres bulgarischen Vaters, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Stuttgart kam, eine deutsche Frau heiratete, sich erfolgreich als Gynäkologe niederließ und schließlich, nach wiederholten Phasen von Depression und Melancholie an einem Strick erhängte, als die Schwestern noch im Kinderalter waren.

Charakterlich könnten diese nicht unterschiedlicher sein. Während die eine das Land ihres Vaters mit abwesender, desinteressierter Milde am Seitenfenster des Autos an sich vorbeiziehen lässt, kocht die andere, die auf der Rückbank sitzende Ich-Erzählerin, vor Wut und Zorn nur so über. Mit allen Mitteln, die ihr an Rhetorik und Cholerik zur Verfügung stehen, rechnet sie mit Bulgarien, mit seiner Politik und seiner Architektur, seinen Menschen und seinem Essen ab. Und ebenso mit dem Verhalten ihres Vaters, der sich in ihren Augen feig in den Tod davon stahl.

Der dritte Roman der 1954 in Stuttgart geborenen Berliner Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff ist Form und Inhalt nach eine wüste Tirade, eine literarische Gardinenpredigt von alttestamentarischer Wucht und feinster, aus Lewitscharoffs vorangegangenen Romane bekannter Skurrilität. Die Bulgarienreise der beiden Schwestern ist nur der Ausläufer eines ebenso schaurigen wie komischen Projekts: Auf der ersten Hälfte ihrer Reise fuhren sie in einem prächtigen Limousinenkonvoi mit, der die sterblichen Überreste von 19, in den 40er-Jahren von Sofia nach Stuttgart ausgewanderten Exil-Bulgaren in ihre ehemalige Heimat transportiert hat. Initiator der Rückbestattung ist ein wohlhabender bulgarischer Schwabe. Den sprachlichen Vernichtungsschlägen von der Autorückbank entgeht er so wenig wie die verschandelte bulgarische Schwarzmeerküste. "Apostoloff" ist ein Roadmovie auf der Überholspur des Zorns, des Hasses, der Polemik und des Witzes. Der Roman ist für den Leipziger Buchpreis nominiert.

Rezensiert von Ursula März

Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff
Roman
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009
247 Seiten, 19,80 Euro