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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.12.2011

Abgrund, Sehnsucht, Schrebergarten

Thea Dorn, Richard Wagner: "Die deutsche Seele", Albrecht Knaus Verlag, München 2011, 560 Seiten

Typisch deutsch? Der Gartenzwerg (picture-alliance/ dpa)
Typisch deutsch? Der Gartenzwerg (picture-alliance/ dpa)

Was haben Bierdurst, "German Angst" und Waldeinsamkeit gemeinsam? Sie gehören zur Innenausstattung der deutschen Seele. Das jedenfalls behaupten Thea Dorn und Richard Wagner, und sie scheuen sich kein bisschen, dieses altmodische Ding einer genaueren Inspektion zu unterziehen.

Braucht man darüber ein Buch? Mehr denn je, sagen die beiden und versammeln darin mehr als 60 typische Merkmale der nationalen Seele. Denn Deutschland laufe Gefahr, sein Gedächtnis zu verlieren. Die einen haben die deutsche Scham über die nationalsozialistische Barbarei "zum Schuldpanzer verhärtet", die anderen "tummeln sich in dem Kahlschlag, ... solange der Fernseher läuft und im Kühlschrank genug Bier steht."

So schreiben die beiden gegen ein historisches Vakuum, eine Leerstelle an, um das Wissen um unsere Kultur neu zu beleben. Weil die deutsche Seele aber nicht aus einem Guss ist, sondern in sich zerrissen und widersprüchlich, stehen Begriffe wie Kitsch und Ordnungsliebe in trauter Eintracht neben Abgrund, Sehnsucht oder Schrebergarten. Lesen kann man das Buch um die Höhen und Abgründe, um Anmut und Absonderlichkeiten des kollektiven Unbewussten wie eine Enzyklopädie, artig dem Alphabet folgend oder zwischen Vater Rhein und Männerchor, Spargelzeit und Mittelgebirge hin- und herspringend.

Thea Dorn und Richard Wagner sind ein überraschendes Paar: zwei deutsche Schriftsteller aus zwei Generationen. Die 41-jährige Thea Dorn, protestantisch sozialisierte Hessin, schrieb Krimis, Theaterstücke, Sachbücher und moderiert eine Büchersendung. Der 20 Jahre ältere Romanautor Richard Wagner lebte im (katholisch) rumänischen Banat, bevor er 1987 in die Bundesrepublik emigrierte. So unterschiedlich wie die Autoren, so verschieden sind ihre Texte.

Während Richard Wagner im Kapitel "Heimat" eindrücklich schildert, welche Rolle die deutsche Sprache für die verfolgte deutsche Minderheit in der Diaspora spielte, stellt er ansonsten sachlich knapp und gediegen das Fachwerkhaus vor, den Buchdruck oder Winnetou, die Ikone der 50er-Jahre. Dagegen fegt Thea Dorn in ausladenden Essays temporeich durch die Kulturgeschichte; für die Phänomenologie des "Weibs" dekliniert sie sich durch das gesamte Typenarsenal vom Gretchen über Lulu und das Fräuleinwunder bis zu den Amazonen der Luftfahrt; dem "Fahrvergnügen" ist sie als einer Art motorisierter Wanderlust auf der Spur, die sich von niemanden vorschreiben lässt, mit welcher Geschwindigkeit durch die Landschaft marodiert wird.

Bei aller spürbaren Sehnsucht, sich der Wurzeln unserer Kultur zu vergewissern, wird nichts überhöht, nichts verklärt, aber auch nicht pathologisiert. Die Autoren schlagen kraftvolle Bögen in die Mentalitätsgeschichte der deutschen Kulturnation und kommen immer in der Gegenwart an. Beim "Bruder Baum" etwa, der, wenn er gefällt wurde, schon bei den Germanen ein Grausen auslöste - wie bei den Protesten gegen Stuttgart 21.

Klug und kenntnisreich, ist das Geschichtsbuch dieser zwei fröhlichen Patrioten auch eine Augenweide: illustriert mit Abbildungen von Caspar David Friedrich-Gemälden genauso wie einem Potpourri aus komischen Fotos, vom "roten" Mittelstürmer Paul Breitner mit Peking-Rundschau oder Theodor W. Adorno mit Wanderhut.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Thea Dorn / Richard Wagner: Die deutsche Seele
Albrecht Knaus Verlag, München 2011
560 Seiten, 26,99 Euro

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