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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.05.2013

Abfall der Zivilisation

Callum Roberts: "Der Mensch und das Meer", DVA , München 2013, 592 Seiten

Plastikmüll am Strand bei Dakar (picture alliance / dpa - Nic Bothma)
Plastikmüll am Strand bei Dakar (picture alliance / dpa - Nic Bothma)

Die Zerstörung der Meere durch Fischfang, Müll, Verklappung oder Ölförderung ist erschreckend. Der englische Biologe Callum Roberts hat darüber ein provokantes, informatives und Mut machendes Buch geschrieben.

Man braucht einen ziemlich starken Magen, wenn man sich die brillanten Farbfotos in Callum Roberts Buch über den Zustand unserer Gewässer ansieht: den Seelöwen, der als Baby mit dem Kopf in eine Treibnetzschlinge geraten ist, die ihn, je größer er wird, allmählich erwürgt; den Albatros mit dem Magen voller Plastikschrott; die Flussmündungen und Meeresbuchten, die aussehen wie Massentourismusstrände – Müll all inclusive; die Berge von Fischkadavern, die ein übersäuerter Ozean angeschwemmt hat.

Man braucht erst recht einen starken Magen, wenn man nach der Lektüre von "Der Mensch und das Meer" weiter Fisch essen möchte. Und einen starken Kopf, denn das, was Roberts schreibt, steht der Wucht der Bilder in nichts nach. Der englische Meeresbiologe und preisgekrönte Dokumentarist schildert einlässlich, wie grausam viele Fangmethoden sind – etwa die mit der Dredge, einem Schleppnetz in einem massiven Rahmen und Stahlzähnen unten, die beim Ziehen durchs Wasser alles zersägen, was am Boden lebt – und wie grotesk das Verhältnis von "wertvollem Fang" und "wertlosem Beifang" ist. Für ein Kilo Krabben sterben bis zu 15 Kilo kleine Fische mit. Haie verenden qualvoll, weil man ihnen kurzerhand die Flossen für die Suppe abschneidet und sie ins Meer zurückwirft. Auch Aquakulturen sind nicht unbedingt sinnvoll, sie graben anderen das Wasser ab oder verursachen Flutwellen und Erosionen.

Algenteppiche und erbleichte Korallenriffe

Aber das ist nur ein Teil der Zerstörung der Meere, die der Mensch anrichtet. Die Verschmutzung durch verklappte Chemiereste, brennende Ölplattformen, havarierte Tanker, im Wasser "entsorgte" Zivilisationsabfälle sind weitere. Sie sind oft mit bloßem Auge erkennbar, an knallbunten, aber giftigen riesigen Algenteppichen oder vor lauter Kohlendioxid tödlich erbleichten Korallenriffen. Dabei sind die Meere die letzten, noch nicht gänzlich ausgeforschten Gebiete des Planeten, auf dem wir leben (wollen). Wie wertvoll sie sind und wie eng verknüpft mit dem Rest – Land, Luft, Klima –, auch davon erzählt der Meeresbiologe. Ohne terminologisches Brimborium, einfach anschaulich. So, dass einem angst und bange wird, wenn neuerdings irgendwelche global player auf Energierohstoffe unter irgendeinem Ozeanboden spekulieren und zum fröhlichen Bohren blasen.

Aber auch dagegen ist sein Buch ein gutes Antidot. Callum Roberts ist kein Apokalyptiker, er provoziert, dass man sich an den Kopf fasst, er zielt auf den Verstand. Er reichert wissenschaftliche Exzellenz mit praktischem Handeln an, gibt Ess- und Kauftipps, nennt Organisationen, bei denen man sich engagieren, sogar Apps, bei denen man sich informieren kann. Er mahnt zwar: "Hier und da kleine Bruchstücke der Natur zu erhalten, nur damit sie uns daran erinnern, was wir früher einmal besessen haben, reicht nicht aus." Aber sein Buch verliert trotzdem nie einen optimistischen Grundton. Es ist ein 500-seitiges leidenschaftliches "Yes, we can!", bei dem das nüchterne "We must!" immer mitschwingt.

Besprochen von Pieke Biermann

Callum Roberts: Der Mensch und das Meer. Warum der größte Lebensraum der Erde in Gefahr ist
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel
DVA, München 2013
592 Seiten, 24,99 Euro

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