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"Aber es gab nur 12 goldene Teller" - Die Fee

"Prototypen" in den Märchen der Gebrüder Grimm

Von Walter Filz

Eine Darstellerin spielt in der Galerie Lafayette Disney´s Cinderella
Eine Darstellerin spielt in der Galerie Lafayette Disney´s Cinderella (picture alliance / dpa / Vincent Isore)

Tatsächlich und wahrhaftig kommt die Fee bei den Brüdern Grimm überhaupt nicht vor. Die Art des feeischen Wunderwirkens passte wohl nicht zum Arbeitsethos der protestantischen Brüder. Also wurden die Feen aus dem offiziellen deutschen Märchenwald verbannt.

"Es war einmal"

Die Fee

Tatsächlich und wahrhaftig kommt die Fee bei den Brüdern Grimm überhaupt nicht vor. Und wer sich fragt, wieso, da gibt es doch das hilfreiche Dutzend bei der Königsfeier anlässlich der Geburt Dornröschens. Plus eine weniger hilfreiche.

"Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche." (aus: Dornröschen)

Und da ist doch auch die Feldsalatzüchterin bei Rapunzel

"Darauf sprach die Fee: ich will dir gestatten, soviel Rapunzeln mitzunehmen wie du willst." (aus: Rapunzel)

Die sind von den Brüdern Grimm schon in der zweiten Auflage ihrer Märchensammlung ersetzt worden: statt von dreizehn Feen ist nur mehr von weisen Frauen die Rede, und aus der Rapunzel-Fee ist eine Zauberin geworden. Ein minimal-invasiver Eingriff in den Märchencorpus - und die Fee war erfolgreich herausoperiert. Möglicherweise hielten die Brüder Grimm die Fee tatsächlich für einen Fremdkörper, ein romanisch-keltisches Implantat, das ihnen - dem Namen wie dem Wesen nach – zu undeutsch vorkam.

Schließlich hießen ihre Märchen ja auch nicht "contes des fees" wie in Frankreich oder "fairy tales" wie in England. Zwar hatten die Grimms einige Märchen aus der Ende des 17. Jahrhunderts erschienenen Sammlung von Charles Perrault geklaut - na, sagen wir adaptiert. Zum Beispiel das der schlafenden Schönen Dornröschen. Aber die barocken Geschichten, die Perrault als Kulturbeamter am Hof Ludwigs XIV. zum aristokratischen Plaisir aufgeschrieben hatte, wurden von den Grimms an deutsche Verhältnisse des 19. Jahrhunderts angeglichen. Und zwar an kleinbürgerliche. Bei Perrault statten die Feen Dornröschen per Zauberspruch mit guten Gaben aus. Bei den Grimms, die weisen Frauen kommen nicht, um magisch herumzutricksen, sondern nur.

"Damit sie dem Kind hold und gewogen waren." (aus: Dornröschen)

Und das Geschirrproblem, das sich dem König dann stellt.

"Weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, so musste eine von Ihnen daheim bleiben." (aus: Dornröschen)

Das ist natürlich auch eher bürgerlich. Ein König soll nur zwölf goldene Teller haben? Nein, es ist der nicht-adelige Haushalt, der typischerweise ein Service mit zwölf Gedecken besitzt. Und wenn da Besuch kommt, sind es bestenfalls wohlwollende Tanten, aber keine guten Feen. Ganz offensichtlich wussten die Brüder Grimm mit deren schillernden Charaktereigenarten nicht viel anzufangen: ihr Charme und Charisma, ihre Erotik, ihre Heiterkeit, das lichte Leichte passte nicht zur finsterwälderischen Erdschwere deutscher Mystik. Und die Art des feeischen Wunderwirkens passte wohl auch nicht zum Arbeitsethos der protestantischen Brüder. Dass Feen aus bloßer Lust und Laune – ohne Gegenleistungsforderung und Moralansprüche – magischen Service bieten, hübsche Dinge herbeischnipsen oder einfach nur –

Musik aus Cinderella

Bibbidi-bobbidi-bunte Deko-Artikel zur Ausschmückung der Verhältnisse hinblinzeln, das muss den Grimms als Luxus- und Vergnügungszauber hochsuspekt gewesen sein. Also haben sie die Feen aus dem offiziellen deutschen Märchenwald verbannt. Mit mäßigem Erfolg. Denn nicht zuletzt Dank Walt Disney schummelten sie sich doch wieder ein. In seiner Aschenputtel-Trickverfilmung hat er eine Fee dazu erfunden.

Dann die Fee Tinkerbell bei Peter Pan.

Und deren Freundinnen und und –

bis heute ist Disney der größte Feenkitschproduzent.

Und wenn man sieht und hört, was die deutsche Lilifee in Quietschrosa treibt.

Dann möchte man meinen, die Grimms wussten schon, warum sie auf die Fee gut und gern verzichten konnten.

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