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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.01.2012

Abenteuerlust oder Naivität

Afrikawissenschaftler hält Reisen in die äthiopische Danakil-Region für sehr riskant

Andreas Eckert im Gespräch mit Nana Brink

Danakil-Wüste in Äthiopien (picture alliance / dpa / Josef Friedhuber)
Danakil-Wüste in Äthiopien (picture alliance / dpa / Josef Friedhuber)

In Äthiopien sind fünf Ausländer getötet worden, darunter zwei Deutsche. Der Afrikawissenschaftler Andreas Eckert hält den Vorwurf, dass der Überfall auf die Touristengruppe vom Nachbarland Eritrea aus geplant worden sein könnte, für reine Spekulation. Gleichwohl seien Grenzgebiete ein idealer Platz für Rebellen.

Nana Brink: Es ist einer der heißesten Orte der Welt, einer der atemberaubendsten und einer der gefährlichsten: die Danakil-Senke im Osten Äthiopiens – ein unterhalb des Meeresspiegels gelegenes Naturschauspiel mit Salzminen und Vulkanen. Normalerweise wagen sich in dieses Grenzgebiet zwischen den Erzrivalen Äthiopien und Eritrea nur Einheimische, Hilfsorganisationen oder Rebellen – und Abenteuerreisende. Fünf von ihnen sind Anfang der Woche einem Überfall zum Opfer gefallen, darunter auch zwei Deutsche, und zwei weitere sind verschleppt worden, so jedenfalls bestätigte es Außenminister Westerwelle gestern. Am Telefon ist jetzt Professor Andreas Eckert, Direktor des Instituts für Asien- und Afrikawissenschaften an der Humboldt-Uni in Berlin. Einen schönen guten Morgen, Herr Eckert!

Andreas Eckert: Guten Morgen!

Brink: Der Krisenstab im Auswärtigen Amt warnt ja schon lange vor der Region, die Lage sei diffus. Ist das politische System in Äthiopien überhaupt stabil?

Eckert: Stabil kann man vielleicht nicht sagen, auf jeden Fall ist es ein sehr autokratisches System, zwar formal eine parlamentarische Demokratie, aber bei den letzten Parlamentswahlen im März 2010 hat die regierende Partei, die Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker, fast 100 Prozent der Stimmen erlangt, und dieses Regime geht auch schon mit sehr harter Hand gegen Oppositionelle vor. Es gab relativ repressive Gesetze gegen Nichtregierungsorganisationen, auch Mediengesetze, die der Opposition es sehr schwergemacht haben, eine Stimme zu bekommen. Gleichwohl sind in einigen Regionen Gruppen aktiv, die versuchen, sich abzugrenzen, die auch versuchen, Teilhabe an den wenigen Ressourcen des Landes für sich reklamieren. Also gerade an den Rändern des Systems ist es sehr unruhig.

Brink: Also kann man nicht sagen, dass die Regierung wirklich Macht ausübt auch über diese Teile, aus denen jetzt ja dieser Überfall bekannt geworden ist, im Grenzgebiet?

Eckert: Nein, nein, keineswegs. Also das Regime hat viele dieser Regionen nur sehr bedingt im Griff, regiert denn manchmal mit massiver Repression und Gewalt, was aber nicht heißt, dass diese – aus der Sicht der Regierung – Unruheherde permanent eingedämmt werden können.

Brink: Nun ist ja gerade dieses Grenzgebiet spannungsgeladen, überhaupt diese ganze Beziehung zwischen den beiden Nachbarn Äthiopien und Eritrea, diese Beziehung könnte man ja durchaus kriegerisch nennen – um was geht es denn da eigentlich?

Eckert: Gut, der Konflikt hat natürlich eine sehr lange Geschichte. 1993 ist dann Eritrea nach friedlichen Verhandlungen unabhängig geworden, aber relativ rasch haben sich heftige Auseinandersetzungen über den Grenzverlauf eingestellt. Zudem ist durch die Unabhängigkeit Eritreas die Situation entstanden, dass Äthiopien selbst nun keinen Zugang mehr zum Meer hat, was dann wieder relativ komplizierte Verhandlungen über zollfreie Regionen et cetera nach sich gezogen hat. Und 1998 bis 2000 hat dann dort ein sehr blutiger, mit sehr viel militärischem Aufwand betriebener Krieg stattgefunden zwischen den beiden Ländern, über 100.000 Tote. 2000 ist es dann zu Friedensverhandlungen gekommen, und seitdem herrscht so was wie kalter Krieg. Das heißt, es wird permanent gestritten, der Grenzverlauf ist weiterhin unklar, es gibt auch keinen Grenzübergang etwa in der Region, wo sich jetzt die Touristen befunden haben. Und es war ja nicht untypisch, dass die äthiopische Regierung sofort Eritrea beschuldigt hat, hinter diesem Überfall zu stecken. Also es ist weiterhin ein höchst explosives Gemisch, was dort herrscht, und umso erstaunlicher ist es, dass dort Touristen sich hinbegeben.

Brink: Das ist eine Frage, die es ja auch noch zu beantworten gilt, aber erst noch mal, um bei Eritrea zu bleiben: Denken Sie denn, dass Rebellen aus dieser Region, also dass Eritrea etwas mit diesem Überfall in dieser Region zu tun haben kann?

Eckert: Das ist im Moment noch reine Spekulation. In jedem Fall kann man sagen, dass solche Grenzgebiete, in denen eben relativ schwierig ist, auch Kontrolle auszuüben, ein idealer Platz ist für Rebellen jeder Art. Ich glaube jetzt ehrlich gesagt nicht, dass die Regierung Eritrea solche Dinge in Auftrag gibt. Ob sie davon weiß, dass da solche Gruppierungen agieren, die natürlich auch versuchen, etwa durch Touristenentführungen auch ein gewisses Einkommen zu erzielen, das kann ich jetzt nicht sagen. Aber es ist wie gesagt typisch für diese undurchsichtige Situation im Moment oder die schon seit längerer Zeit in dieser Region herrscht, dass gar nicht klar ist, wer da eigentlich im Einzelfall operiert. Aber es ist, glaube ich, jetzt kein Staatsakt oder keine Aktion der eritreischen Regierung, das halte ich für relativ unwahrscheinlich. Aber im Moment wissen wir ehrlich gesagt noch nicht viel, und man kann nur spekulieren, wer tatsächlich dahintersteckt.

Brink: Sie haben es selber gesagt, die Lage ist äußerst diffus, und da frage ich mich ja, wieso macht man da Urlaub beziehungsweise Abenteuerurlaub. Äthiopien erscheint ja nicht gerade als ein klassisches Reiseland – wir haben ja auch noch die Bilder der Hungerkatastrophe im Auge. Spielt denn der Tourismus überhaupt eine Rolle?

Eckert: Eine relativ geringe Rolle. Also auf der einen Seite – das hatten Sie kurz angesprochen –, Äthiopien ist immer noch eines der ärmsten Länder der Erde, wird halt periodisch durch Hungerkrisen heimgesucht, einige, sag ich mal, sehr spektakuläre, die dann auch den Weg in die westlichen Medien gefunden haben. Gerade in den letzten Jahren ist es immer wieder zu Krisen gekommen, das Land ist auch ökonomisch sehr verwundbar, weil es eben mit seinen Exportprodukten wie Kaffee und auch Schnittblumen sozusagen sehr eng auch gekoppelt ist an dem Auf und Ab des Weltmarkts. Es hatte einen gewissen Aufschwung, ist jetzt aber durch die Finanzkrise auch wieder zurückgefallen – fast 50 Prozent des Haushalts werden durch Entwicklungshilfe bestritten –, und Tourismus ist ein sehr kleiner Bereich. Äthiopien gehört zu den faszinierendsten Ländern Afrikas, wenn nicht der Welt, aber ist eben gerade in seinen interessantesten Regionen höchstgefährlich. Von daher gibt es eigentlich immer nur so was wie einen kleinen exklusiven Tourismus, kleinere Reisegruppen, die sich dorthin begeben. Aber wie gesagt, gerade die Region, um die es jetzt geht, ist ein Ort, wo es schon Entführungen gegeben hat, wo es eigentlich auch Dauerwarnungen des Auswärtigen Amtes gegeben hat. Und dass man sich dorthin begibt, war nun tatsächlich ein großes Risiko, und dieses Risiko mussten jetzt eben einige Touristen auf tragische Weise bezahlen.

Brink: Verstehen Sie, was Menschen dazu antreibt, dorthin zu fahren, trotz aller Faszination, meinetwegen der Landschaft? Das kann man sich ja im Internet angucken, es ist ja wirklich faszinierend.

Eckert: Das ist tatsächlich faszinierend. Gut, also welche Motive jetzt die einzelnen Touristen reiten, das weiß ich nicht. Es ist natürlich auch in gewisser Weise sehr tragisch, dass einige der interessantesten und faszinierendsten Plätze in Afrika Orte sind, an die man sich besser nicht begeben müsste. Timbuktu in Mali ist ein anderes Beispiel, wo ja auch dann in den letzten Jahren häufiger Touristen entführt oder bedroht worden sind. Es mag reine Abenteuerlust sein, im schlimmsten Falle auch einfach Naivität, und es wurde vielleicht Reiseveranstaltern Glauben geschenkt, die behaupten, das sei alles gar nicht so schlimm dort. Das kann ich im Einzelnen nicht beurteilen. Also ich würde jedenfalls im Moment niemandem empfehlen, dorthin eine Reise zu machen.

Brink: Professor Andreas Eckert, Direktor des Instituts für Asien- und Afrikawissenschaften an der Humboldt-Uni in Berlin. Schönen Dank, Herr Eckert, für das Gespräch!

Eckert: Bitte schön, tschüss!

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