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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 24.02.2016

75. Todestag Die vergessene Naturlyrik von Oskar Loerke

Von Christian Linder

Im Büro des Schriftexperten Klaus-Dieter Stellmacher aus Cottbus (Brandenburg) ist eine alte Spitzfeder auf einem Schreibheft von 1880 zu sehen. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul )
Oskar Loerke trat er 1917 als Lektor in den S. Fischer Verlag ein. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul )

Der deutsche Dichter Oskar Loerke wurde als Vertreter des "magischen Naturrealismus" gefeiert. Seit seinem 1911 erschienenen Band "Wanderschaft" galt er als eine der bestimmenden Figuren der damaligen deutschen Literatur - bis zur Machtergreifung der NSDAP.

Wer Anfang der 1930er Jahre eine Einladung Oskar Loerkes in seine Villa im nördlichen Berliner Stadtteil Frohnau erhielt, durfte etwas auf sich halten, denn der Gastgeber galt damals als »Großsiegelbewahrer des deutschen Geistes«, wie ihn der Verleger Samuel Fischer genannt hatte. So war das Haus immer voll.

Irgendwann setzte sich Loerke ans Klavier und spielte Musik zum Beispiel von Johann Sebastian Bach. Unter den Gästen eines solchen jour fixe war damals auch der junge Karl Korn, später in der Bundesrepublik fürs Feuilleton zuständiger Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

"Loerkes Haus war gastlich und strahlte die Wärme eines Mannes aus, der am Flügel wie an der Orgel ein Meister war, im Leben ein Dichter und ein liebenswert ungeschickter Phantast. Nach dem Kaffee auf der Terrasse las er uns sein Gedicht 'Chinesisches Drachensteigen'."

"Schiffe, voll getakelt, tragen
In die Wolkenberge Büßer,
Groß geschwänzte Drachen schlagen
Fische, Vögel, Tausendfüßler.
Schwebt die Heimat, die wir lieben,
Über unserm Haupt von hinnen,
Und wir sind zurückgeblieben,
dem Entschwebten nachzusinnen?"

Die über allem schwebende und zugleich entschwebte Heimat lag in Westpreußen, an der Weichsel, in dem Dorf Jungen, wo Loerke am 13. März 1884 als Sohn eines Hof- und Ziegeleibesitzers geboren wurde.

"Gegen Abend, wenn die heimkehrenden Rinder um den großen Ziehbrunnen in der Mitte des Gutshofs brüllten, flogen die Fledermäuse niedrig, in der Dunkelheit heulten die Kettenhunde und schrien Eulen. Kamen Wandermusikanten vor die Tür mit Trommeln, Tenorhorn und Tuba und spielten schmetternd auf, so erzitterte ich vor dem Wunder in unsäglicher Lust."

Erster Leser von Thomas Mann und Alfred Döblin

Die alten Bilder seiner Heimat hat Loerke immer tief in seinem Herzen bewahrt, auch als er längst, seit 1903, ein Berliner Großstadtbewohner geworden war. Um diese alten Bilder in einer modernen Sprache der Poesie auszudrücken und nach seinen Worten "das Gewicht der Welt festzuhalten", erfand er einen ganz eigenen persönlichen Blick, mit dem er auch die Großstadt Berlin als eine Landschaft betrachten, die Natur als »grünen Gott« beschreiben und seine "Pansmusik" spielen konnte:

"Ein Floss schwimmt aus dem fernen Himmelsrande, / Drauf tönt es dünn und blass / Wie eine alte süße Sarabande. / Das Auge wird mir nass. // Es ist, wie wenn den weiten Horizonten / Die Seele übergeht, / Der Himmel auf den Ebnen, den besonnten, / Aufhorcht wie ein Prophet."

Die Kritik feierte Ton und Inhalt solcher Verse als "magischen Naturrealismus". Aber der Ruhm, für den nicht zuletzt der Loerke früh, 1911 zugesprochene Kleist-Preis stand, änderte nichts daran, dass er von seinen Büchern nicht leben konnte. Und so trat er 1917 als Lektor in den S. Fischer Verlag ein und wurde der erste Leser zum Beispiel von Thomas Mann und Alfred Döblin. Wie oft hat er in seinen Tagebüchern über diese Fronarbeit des Lektors geklagt. Trost nach anstrengenden Arbeitstagen bot ihm wieder die Musik, und dann setzte er sich abends hin und schrieb über Anton Bruckner und immer wieder über Johann Sebastian Bach.

Von den Nationalsozialisten in die innere Emigration gedrängt

Oder er begleitete sein eigenes Werk, zu dem neben insgesamt sieben Gedichtbänden und vielen Essays auch Prosaarbeiten wie die 1901 erschienene Debuterzählung "Vineta" gehören, mit theoretischen Überlegungen über einen möglichen "Erlös" des Schreibens und einen dahinter vielleicht sogar verborgenen Selbsterlösungswunsch. Um einen Erlös haben Oskar Loerke dann die Nationalsozialisten gebracht. Dass seine Naturlyrik nichts mit ihrer Blut-und-Boden-Ideologie zu tun hatte, hatten sie sofort begriffen und sorgten dafür, dass Loerke nach ihrem Machtantritt 1933 als Sekretär der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste abgelöst und sein Werk durch Verschweigen ins Vergessen geschickt wurde. Verbittert zog er sich in die innere Emigration zurück, wenn er auch 1936 einen letzten Gedichtband, "Der Wald der Welt", noch veröffentlichen konnte. In dieser Verbitterung starb er, kurz vor seinem 57. Geburtstag, am

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