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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.12.2015

70 Jahre IWFWarum die Finanzkrise zu schnell vergessen wurde

Rolf Langhammer im Gespräch mit Korbinian Frenzel

Das Logo des Internationalen Währungsfonds (IWF). (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)
Wird am 27. Dezember 70 Jahre alt: Der Internationale Währungsfonds (IWF) (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)

Zum 70. Geburtstag wird der Internationale Währungsfonds (IWF) reformiert. Wie sich dessen Bedeutung in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat, erklärt uns der Finanzexperte Rolf J. Langhammer.

Der größte Umbau in der Geschichte des Internationalen Währungsfonds (IWF) kann starten  - pünktlich zum 70. Geburtstag der Institution. Der US-Senat ratifizierte nach fünf Jahren Debatten die Reformpläne, die den ökonomischen Realitäten Rechnung tragen sollen. Damit erhalten China, Indien, Brasilien und andere Schwellenländer mehr Einfluss. Im Gegenzug treten vor allem die Europäer Macht ab. Die USA akzeptieren eine minimale Reduzierung ihrer Stimmrechte und bewahren ihr Vetorecht bei wichtigen Beschlüssen.

Rolf J. Langhammer, Wissenschaftler am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, sagte im Deutschlandradio Kultur zur IWF-Reform:

"Da verschiebt sich etwas, was im Grunde genommen seit Jahren schon fällig war. Die großen Schwellenländer, also Brasilien, Indien, China und auch Russland, gehören an sich zu den wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt. Sie waren aber so bisher nicht beim Internationalen Währungsfonds vertreten. Das ist jetzt korrigiert worden."

Mexiko oder ein asiatisches Land an der Spitze

Langhammer würde es sehr begrüßen, wenn statt einer Europäerin, wie aktuell Christine Lagarde, z.B. ein Vertreter aus Mexiko oder einem asiatischen Land an der Spitze des IWF stünde. Er glaube jedoch nicht, dass dies in absehbarer Zeit Realität werde. 

Insgesamt könne man sagen, dass der IWF sein schlechtes Image aus den 80er- und 90er-Jahren habe abstreifen können. "Seit vielen Jahren kümmert sich der Währungsfonds auch um Verteilungsprobleme, versucht also auch, die Härten von Anpassungen für die Ärmsten zu mildern", betonte Langhammer.

Nationale Egoismen

Mit Blick auf die internationalen Finanzkrisen erklärte er: Es sei leider nicht zu erwarten, dass sich die Staaten zusammenrauften. 

"Da herrschen die nationalen Egoismen vor, das muss man leider sagen. Und die Krise ist schnell vergessen gewesen, also die meisten Menschen - auch auf den internationalen Finanzmärkten - haben ein Kurzzeitgedächtnis. Es deutet sich wieder an, Blasenbildung. Es gibt keine Ordnungsmacht, es gibt auch keine gemeinsamen Regeln, und bei Finanztransaktionssteuern ist man auch nicht weitergekommen."



Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Wer am Heiligen Abend Geburtstag hat, das dürfte bei Günter Jauch bestenfalls die 50-Euro-Frage sein. Wer am 27. Dezember Geburtstag feiert, seinen 70. nämlich, das dürfte ein bisschen höher auf der Skala liegen, und auch wir ziehen jetzt den Telefon-Joker, nicht, um die richtige Antwort zu bekommen – die habe ich für Sie auch ohne Raterei. Wir reden vom IWF, vom Internationalen Währungsfonds, 1945 in Bretton Woods gegründet, gemeinsam mit der Weltbank. Aber zu reden lohnt sich über diesen IWF ganz aktuell nicht nur, weil der runde Geburtstag vor der Tür steht, sondern weil dieser IWF grundlegend reformiert wird. Ich grüße Rolf Langhammer, Wissenschaftler am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Guten Morgen!

Rolf Langhammer: Guten Morgen, Herr Frenzel!

Frenzel: Den Plan für diese Reform gibt es ja schon seit fünf Jahren. Jetzt hat der US-Senat grünes Licht gegeben, sie kann also kommen. Herr Langhammer, ich gebe Ihnen mal a, b, c oder d, und die Frage lautet so: Wer wird sich über die Veränderungen beim Internationalen Währungsfonds am meisten freuen: a) Die Amerikaner, b) Alexis Tsipras, c) die Chinesen oder d) die Finanzspekulanten?

Langhammer: Ich meine, das ist c), C wie China, einfach deswegen, weil es China jetzt gelungen ist, einen zweiten Achtungserfolg auf den internationalen Finanzmärkten zu erzielen. Nachdem sie mit ihrer Währung jetzt in den Korb der internationalen Sonderziehungsrechte aufgenommen worden sind, also als internationale Reservewährung Nummer fünf, ist ihnen jetzt sozusagen der zweite Achtungserfolg gelungen: Sie sind nach Japan, knapp nach Japan jetzt mit der Quote die drittwichtigste Nation beim Internationalen Währungsfonds.

Der Trumpf der Amerikaner

Frenzel: Sonderziehungsrechte, das klingt auch so ein bisschen nach Lotto. Wenn Sie sagen Achtungserfolg, ist das eher Symbolik oder verschiebt sich da wirklich was?

Langhammer: Da verschiebt sich etwas, was im Grunde genommen seit Jahren schon fällig war. Die großen Schwellenländer, also Brasilien, Indien, China und auch Russland gehören an sich zu den wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt. Sie waren aber so bisher nicht beim Internationalen Währungsfonds vertreten. Das ist jetzt korrigiert worden, es war lange fällig. Warum es die Amerikaner machen, darüber kann man spekulieren, sicherlich auch deswegen, weil sie nicht überall nein sagen können, weil sie vielleicht dann in anderen Feldern doch auftrumpfen können. Aber es ist auch nicht umsonst für die Chinesen. Sie müssen jetzt einfach mehr leisten, vielleicht zum Beispiel auch für Griechenland.

Frenzel: Das heißt konkret, sie müssen mehr leisten, das heißt, sie müssen mehr Geld bereitstellen, aber sie dürfen auch mehr bestimmen?

Langhammer: Ja, sie dürfen mehr bestimmen. Aber da liegt natürlich noch der große Trumpf der Amerikaner. Sie sind die einzigen, die eine Sperrminorität haben. Man braucht für eine Entscheidung 85 Prozent der Mitgliederstimmen, und die Amerikaner haben 17 Prozent. An den Amerikaner kommt weiterhin beim Internationalen Währungsfonds niemand vorbei.

Frenzel: Aber an den Europäern schon?

Langhammer: An den Europäern auch nicht, aber sie müssten sich halt einig sein. Sie verlieren etwas an Stimmengewicht. Sie hatten bisher ein überproportional hohes Stimmengewicht, über 30 Prozent, das rutscht jetzt unter 30 Prozent. Aber sie sind sich ja auch nicht immer einig, vor allen Dingen eben auch nicht innerhalb der Eurozone. Da treten sie halt auch nicht gemeinsam auf, sondern jedes Land hat seine einzelne Stimme.

Frenzel: Nun ist ja der IWF, der Internationale Währungsfonds, weltweit verschrien, vor allem in Krisenländern wie Griechenland, aber auch in früheren Zeiten in Argentinien zum Beispiel, als unsoziale Dampfwalze. Jetzt kann man darüber streiten, ob zu Recht oder zu Unrecht, aber hat diese Kritik bei der Neuausrichtung jetzt auch eine Rolle gespielt?

Langhammer: Ich glaube, dass der Währungsfonds sich schon seit vielen Jahren verändert hat. Die Kritik, die Sie nennen, die kommt aus den 80er-, 90er-Jahren, als der Internationale Währungsfonds immer nur ein Rezept kannte bei Zahlungsbilanzkrisen, nämlich Staatsausgaben runter, Wechselkurs abwerten und so weiter. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Seit vielen Jahren kümmert sich der Währungsfonds auch um Verteilungsprobleme, versucht also auch, die Härten von Anpassungen für die Ärmsten zu mildern. Das gehört heute zum Reservoir. So schlimm, wie der Währungsfonds in den 80er-, 90er-Jahren kritisiert worden ist, ist er nicht mehr.

Frenzel: Aber so richtig beliebt war er jetzt in Griechenland ja auch nicht.

Langhammer: Nein. Aber immerhin ist der Währungsfonds derjenige, der einen Schuldenschnitt fordert, und das ist ja auch das, was die Griechen gern wollen, was aber Herr Schäuble und auch die Eurozone mehrheitlich nicht will. Also, in einigen Bereichen gibt es doch schon eine gewisse Übereinstimmung zwischen griechischen und Währungsfondspositionen. Aber natürlich, der Währungsfonds achtet sehr stark auf die Konsolität und also auch auf die Nachhaltigkeit der Schulden. Und da hat er eben bei Griechenland berechtigterweise erhebliche Zweifel.

Wechsel überfällig

Frenzel: Christine Lagarde ist ja im Moment die starke Frau an der Spitze. Eine Europäerin, eine Französin. Bei alldem, was Sie da beschrieben haben an Veränderungen, ist das auch ein Auslaufmodell? Werden wir uns da jetzt eher an indische, an chinesische Namen gewöhnen müssen?

Langhammer: Das wäre sehr gut, aber da müsste sich im gesamten Konzert der beiden Bretton-Woods-Institutionen etwas ändern. Traditionell führt ein Amerikaner die Weltbank, und bisher führte ein Europäer oder eine Europäerin den Währungsfonds. Das sollte sich ändern, schon beim letzten Mal gab es sehr gute Kandidaten aus Mexiko, aus Singapur. Es wäre sehr gut, wenn sich daran etwas ändern würde, aber ich glaube nicht, dass es danach zurzeit aussieht.

Frenzel: Sie haben das Stichwort Bretton Woods gerade genannt. Das war ja der Versuch nach dem Zweiten Weltkrieg, die Welt zu ordnen, ein bisschen globale Struktur einzuführen, die dann ja ganz schön gelitten hat. Wo sind wir denn da gerade? Haben Sie den Eindruck, dass sich die Welt gerade nach den Wirtschafts- und Finanzkrisen da wieder zusammenrauft, so was wie ein globale Steuerung hinkriegt?

Langhammer: Nein, leider nicht. Da herrschen die nationalen Egoismen vor, das muss man leider sagen. Und die Krise ist schnell vergessen gewesen, also die meisten Menschen auch auf den internationalen Finanzmärkten haben ein Kurzzeitgedächtnis. Es deutet sich wieder an, Blasenbildung. Es gibt keine Ordnungsmacht, es gibt auch keine gemeinsamen Regeln, und bei Finanztransaktionssteuern ist man auch nicht weitergekommen. Also, es herrschen die nationalen Egoismen vor. Allerdings gibt es jetzt erheblich Konkurrenz für den Währungsfonds durch die Institutionen, die von China finanziell unterstützt werden. Also muss der Währungsfonds auch sehen, dass er sein Terrain verteidigen kann. Seine große Stärke liegt in der Expertise, liegt in der Kenntnis der Märkte und liegt auch in der Kenntnis der Volkswirtschaften. Da kann ihm keiner etwas vormachen. Es wäre gut, wenn er da, in der Richtung, noch etwas stärker zulegen würde.

Frenzel: Der internationale Währungsfonds vor der Reform, vor seinem 70. Geburtstag. Rolf Langhammer, Wissenschaftler am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Langhammer: Ich danke Ihnen, Herr Frenzel!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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