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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 18.01.2016

70 Jahre Grenzdurchgangslager FriedlandWie Friedland den Flüchtlingsandrang meistert

Von Ute Andres

Eine Familie geht am 27.08.2013 im Grenzdurchgangslager Friedland (Niedersachsen) am Pförtner-Haus vorbei. (picture alliance / dpa / Swen Pförtner)
Grenzdurchgangslager Friedland (picture alliance / dpa / Swen Pförtner)

1945 wurde das Grenzdurchgangslager Friedland im Landkreis Göttingen von der damaligen britischen Militärregierung eingerichtet. Seitdem waren mehr als vier Millionen Menschen dort untergebracht. Noch nie lebten in Friedland aber so viele Menschen wie im vergangenen Herbst.

Mittags warten viele Flüchtlinge vor dem roten Backsteinbau, der Kantine des Grenzdurchgangslagers. Auffällig viele junge Männer sind darunter, sie kommen aus Syrien, Irak, Afghanistan oder Eritrea. Sie stehen in Zweierreihen durch Bauzäune voneinander getrennt, mehrere Polizisten beobachten die Szene entspannt.

Rund 1300 Menschen sind in Friedland untergebracht, die Zahlen schwanken stark, aber es sind genau so viele Menschen, wie im Dorf selbst leben. Und an Wochenenden kommen manchmal 300 Hilfesuchende hinzu. Dennoch ist die Lage wesentlich entspannter als im Herbst, sagt der Leiter der Einrichtung, Heinrich Hörnschemeyer:


"Wir haben nicht mehr die Situation, dass Personen auf Matratzen in den Fluren untergebracht werden müssen, es gibt keine, die eine Nacht im Speisesaal verbringen müssen, insofern ist das schon eine erheblich bessere Situation, ich würde aber noch nicht von Normalität reden wollen." 

Kindergarten, Schule, Jugendraum, Kapelle - ein Dorf im Dorf

Die Flüchtlinge sind in Zimmern für bis zu zehn Personen in langen, schmalen Holzhäusern untergebracht, von diesen Unterkünften stehen 15 auf dem großen Gelände, das seit den 50er Jahren bebaut wurde. Auf dem Gelände ist auch ein Kindergarten, eine Schule, Jugendraum, die kleine Kapelle der evangelischen Kirche und die Kleiderkammer der Caritas gehören dazu. Das Lager ist ein Dorf im Dorf – nicht eingezäunt und frei zugänglich – aber kaum gehen Einheimische hier einmal hindurch, es sei denn, zu ihrem Arbeitsplatz. Denn Friedland lebt mit und von der Einrichtung. 

Die Erstaufnahmestelle im Grenzdurchgangslager Friedland ist für 900 Flüchtlinge eingerichtet. Im vergangen Jahr stiegt die Zahl rapide an. Die Spitze wurde im Spätsommer erreicht – das niedersächsische Innenministerium schickte 3500 Menschen nach Friedland, das brachte die Beschäftigten und das Dorf an die Belastungsgrenze:

"Und für die Flüchtlinge ist es auch nicht einfach, dort irgendwo zu liegen, das ist, glaube ich, auch nicht das Problem. Das größere ist, dass sie nicht so recht wissen, wann es weiter geht, das ständige Warten, dass sie nicht wissen, wann bin ich dran, wie lange dauert es noch. Das ist etwas, was die Menschen belastet."

200 Männer, mitten in der Nacht, bereit für eine Schlägerei

In einer Nacht standen sich 200 Männer aus Afghanistan und dem Irak gegenüber. Mitten im Lager, bereit für eine große Schlägerei. Die Polizei rückte mit mehreren Mannschaftswagen an, Dolmetscher konnten eine Eskalation verhindern. Der Auslöser: Eine verheirate Frau aus Afghanistan hatte offenbar einen Iraker geküsst. Aber auch dieser Polizeieinsatzwurde im Dorf Friedland genau registriert. Ebenso wie die Flüchtlinge im Ort, in dem es außer dem kleinen Supermarkt nur die Bahn gibt, die Reisende nach Göttingen oder Kassel bringt. Einheimische beschwerten sich über Müll auf den Gehwegen und darüber, dass Flüchtlinge aus ihren Gärten Äpfel gepflückt hätten. Die Stimmung in der Bevölkerung drohte zu kippen - auf einer Bürgerversammlung wurde das deutlich:

"Sie haben ja schon die Stimmung gehört und es gibt keine wirklichen Antworten auf die Sorgen und Ängste der Friedländer. Die Bereitschaft der Friedländer zu helfen ist natürlich da – das ging auch jahrzehntelang wunderbar. Aber die Probleme, die es jetzt gibt, darf man einfach nicht verstecken. Meine Frau traut sich nicht mehr joggen zu gehen in der Feldmark oder im Ort. Das geht einfach nicht mehr."

Die Polizei beruhigte – bis auf ein paar Ladendiebstähle mehr, registrierte sie keine Straftaten. In einem Appell an die Landesregierung forderten Lokalpolitiker dringend eine Reduzierung der Belegungszahlen – mit Erfolg, Friedland wurde entlastet.

Seit 70 Jahren werden in Friedland Flüchtlinge registriert und weitergeleitet

Der Ort hat seit 1945 Erfahrung mit der Aufnahme von Flüchtlingen aus der ganzen Welt. Die britische Militärregierung gründete das Lager südlich von Göttingen, um die vielen Flüchtlinge, Vertriebenen und Kriegsheimkehrer nach dem Zweiten Weltkrieg zu registrieren, die im Grenzgebiet zwischen den drei Besatzungszonen der Briten, Amerikaner und Russen unterwegs waren, sagt der Historiker Joachim Baur: 

"Das Lager Friedland hatte damals schon ganz ähnliche Aufgaben, nämlich große Massen von Menschen zu registrieren, zu kanalisieren, weiterzuleiten. Und auch die Szenen, die man gesehen hat, viele, viele Menschen beim Anstehen vor dem Essen, beim Anstehen bei den Baracken, all das sieht anders aus, hat aber durchaus Ähnlichkeiten – die wir, mit etwas Abstraktion erkennen können."

Friedrich Hoy gehört zu den Millionen Menschen, für die Friedland das "Tor zur Freiheit" wurde. Er war einer der Flüchtlinge, die kurz nach der Gründung des Grenzdurchgangslagers in Friedland ankamen. 

"Ich bin 1946 von der DDR über die grüne Grenze gekommen und wurde dann erst einmal nach Friedland gebracht. Und wurde mittels einer Spritze entlaust – obwohl ich mit Sicherheit nicht eine einzige Laus an meinem Körper hatte. Aber das gehörte eben dazu."

Ungarn-Flüchtlinge, Boat People, Spätaussiedler

Mehr als vier Millionen Menschen kamen seit 1945 durch Friedland. Nach den letzten Kriegsheimkehrern kamen Ungarn-Flüchtlinge, später die Boat-People aus Vietnam, Chilenen, jüdische Emigranten und Spätaussiedler aus den Staaten der früheren Sowjetunion. Nach einer Hochzeit in den 90er Jahren kommen wieder mehr Spätaussieder aus Weißrussland oder Kasachstan. Friedland ist für sie die einzige Aufnahmestelle bundesweit. Damals wie heute hätten die Menschen alles zurückgelassen, sagt der Historiker Joachim Baur. 

"Was anders ist und darauf kann man auch nicht genug hinweisen, ist, dass die sogenannte Bleibeperspektive damals und heute unterschiedlich ist. Damals die Flüchtlinge, Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten, die konnten natürlich alle bleiben. Und heute die Spätaussiedler, das ist die Geschichte, die sich fortsetzt, ist das heute noch ähnlich. Aber für die vielen Asylsuchenden ist das natürlich nicht der Fall." 

Friedrich Hoy lebt heute noch in Friedland. In den 60 Jahren hat sich der Malermeister dort ein Haus gebaut. Die vielen Menschen störten ihn nicht. Schon immer seien mal mehr, mal weniger in Friedland gewesen – am Ende seien die Einheimischen und die Fremden immer ganz gut miteinander zu recht gekommen:

"Kommt immer darauf an, wie man mit den Leutchen umgeht, wie man mit ihnen spricht, es sind aber zum Glück sehr, sehr viele junge Leute, junge Familien mit Kindern, junge Männer, die wir hier brauchen. Ob sie sich einleben? Ich glaube schon."

 

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