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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.06.2016

70 Jahre Care-PaketDie Arbeit der Helfer wird immer gefährlicher

Sabina Wilke im Gespräch mit Moritz Behrendt

Syrien  (picture alliance/dpa/Foto: Bruno Gallardo)
Anwohner mit Hilfspaketen in der syrischen Stadt Aleppo im Februar 2013. (picture alliance/dpa/Foto: Bruno Gallardo)

Heute ist die Hilfsorganisation weltweit aktiv. Die ersten Care-Pakete erreichten im Sommer 1946 Deutschland. Anlässlich des 70. Jahrestages berichtet Sabina Wilke von Care, dass sich die Zahl der getöteten Helfer in zehn Jahren verdoppelt hat.

Millionen Menschen in Europa wurden nach dem Zweiten Weltkrieg mit Spenden aus den USA versorgt. Im Sommer 1946, vor 70 Jahren, erreichten die ersten Care-Pakete Deutschland.

Rund zehn Millionen Paketen wurden zwischen 1946 und 1969 in Westdeutschland und in Berlin verteilt.  Heute ist Care eine der größten privaten Hilfsorganisationen weltweit und nach eigenen Angaben in 90 Ländern aktiv.

Mit der Aktion "Berlin sagt Danke! Vor 70 Jahren halfen Care-Pakete in unserer Stadt. Jetzt helfen wir!" wolle Care sich aber nicht nur bedanken, sondern auch daran erinnern, dass auch Deutschland einmal auf Hilfe angewiesen war, sagte Sabina Wilke, Pressesprecherin von Care, im Deutschlandradio Kultur:

"Wir vergessen leicht in der heutigen Situation, in einem Land, in dem wir durchaus in Wohlstand und Frieden leben können, schon seit vielen Jahrzehnten, dass es einmal anders aussah und dass uns damals ehemalige Feinde, sprich die USA, die Hand gereicht haben und mit Care-Paketen humanitäre Hilfe zum Überleben in Europa und vor allen Dingen auch in Deutschland geleistet haben."

Hilfsorganisationen haben nur noch "kleinen Radius"

Wilke sagte, dass im Vergleich zur Nachkriegszeit der "humanitäre Radius" von Hilfsorganisationen extreme klein geworden sei in den letzten Jahren. Das habe mit vielen asymmetrischen Konflikten zu tun, wie dem Bürgerkrieg in Syrien:

"Da ändern sich die Frontlinien sehr schnell und wir müssen dann eben verhandeln, wo und wie wir Zugang bekommen. Das macht Care nicht alleine. Da sind wir zusammen mit den Vereinten Nationen und anderen Organisationen. Aber es ist immer eine sich sehr schnell verändernde Situation, die unsere Helfer Vorort, die größtenteils lokal sind, auch immer wieder in Gefahr begibt. Und man muss leider auch sagen, wenn der Zugang und die Sicherheit der humanitären Helfer, die die Nahrungsmittel zum Beispiel verteilen sollen, oder die auch Gesundheitsdienste leisten, also Ärzte usw., wenn die nicht gesichert wird, von den Konfliktparteien, dann können wir nicht helfen. Und das ist auch eine tragische Realität heutzutage: Dass viele Orte der Welt, wo eben Konflikte herrschen, nicht ausreichend mit humanitärer Hilfe versorgt werden können."

Helfer leben immer gefährlicher

Die Arbeit für humanitäre Helfer werde in den Krisenregionen auch immer gefährlicher, beklagt Sabina Wilke. So hat sich Anzahl der im Einsatz getötet Helfer zwischen 2004 und 2014 von 56 auf 121 Menschen verdoppelt:

"Und auch hier wieder – die Mehrheit der Todesfälle, Entführungsfälle, diejenigen, die überfallen werden, sind einheimische Helfer. Care und andere Organisationen arbeiten zu 95 Prozent mit lokalen Experten, die kennen die Sprache, die Region, die können im Zweifel auch Situationen besser einschätzen. Und das sind diejenigen, die an den vordersten Fronten jeden Tag arbeiten für ihre Gemeinden und die immer mehr in Gefahr geraten. Das macht uns große Sorgen und da appellieren wir immer, auch an dieser Stelle an alle Kriegsparteien, den Humanitären, Neutralen, Unabhängigen Zugang zu gewährleisten. Denn diese Hilfe muss stattfinden. Unabhängig davon, welcher politischer Richtung oder sonstigen Positionen die Menschen Vorort angehören."

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