Seit 11:07 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 11:07 Uhr Tonart
 
 

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 07.11.2014

50 BändeSchattenbilder aus einem Poetenleben

Wie die "Kritische Robert-Walser-Ausgabe" entsteht

Von Jörg Plath

Der Schweizer Schriftsteller Robert Walser (u.a. "Jakob von Gunten) in einer zeitgenössischen Aufnahme. Er wurde am 15. April 1878 in Biel geboren und verstarb am 25. Dezember 1956 in Herisau. (picture alliance / dpa  / B1885_Keystone_Press)
Robert Walser (1878-1956) (picture alliance / dpa / B1885_Keystone_Press)

Die auf 50 Bände angelegte Edition der Briefe, Manuskripte und Mikrogramme von Robert Walser erscheint als Lesefassung, im Faksimile und auf DVD. Im Jahr 2028 wollen die Philologen in Basel und Zürich fertig sein.

Da mir eine stattliche Buchhandlung überaus angenehm auffiel, ich Lust spürte, ihr einen flüchtigen Besuch abzustatten, so zögerte ich nicht, mit bester Manier einzutreten, wobei ich freilich dachte, dass ich womöglich eher als strenger Bücher-Revisor, Inspektor, Neuigkeitensammler, feiner Kenner, wie als gern gesehener, beliebter, reicher Einkäufer oder guter Kunde in Frage kommen könne.

Mit höflicher, durchaus vorsichtiger Stimme erkundigte ich mich in begreiflicherweise gewähltesten Ausdrücken nach dem Neuesten und Besten auf dem Gebiete schöner Literatur.

"Darf ich", fragte ich schüchtern, "Gediegenstes,  Ernsthaftestes, mithin selbstverständlich Meistgelesenes wie raschest Anerkanntes und Gekauftes kennen und augenblicklich hochschätzen lernen? Sie würden mich zu ungewöhnlich hohem Dank verbinden, wenn Sie die Gefälligkeit haben wollten, mir gütig das Buch vorzulegen, das, wie ja sicher niemand so genau wissen wird wie Sie, beim lesenden Publikum sowohl wie bei gefürchteter, daher wohl auch umschmeichelter Kritik die höchste Gunst gefunden hat und ferner munter findet."
Robert Walser, Der Spaziergang. Kritische-Walser-Ausgabe I (Buchpublikationen), Band 8

"Also, ich kann wirklich sagen, dass der Walser mich in besonderer Weise als Editorin interessiert."

Die Editionsphilologin Barbara von Reibnitz ist gemeinsam mit dem Züricher Germanistikprofessor Wolfram Groddeck Gesamtherausgeberin der Kritischen-Walser-Ausgabe, der KWA.

Barbara von Reibnitz: "Es ist total wichtig, was man da macht. Es ist eben tatsächlich wichtig, ob da ein Komma steht oder ein Punkt, weil die Sätze dann anders rhythmisiert sind, (...) weil man dann merkt, wie sich die Sprache aus sich selbst heraus wieder neu generiert."

"In der Tat interessiert mich ungemein, erfahren zu dürfen, welches von allen hier aufgestapelten oder zur Schau gestellten Werken der Feder dieses fragliche Lieblingsbuch ist, dessen Anblick mich ja sehr wahrscheinlich zum sofortigen, freudigen, begeisterten Käufer machen wird. Das Verlangen, den bevorzugten Schriftsteller der gebildeten Welt und sein allseitig bewundertes, stürmisch beklatschtes Meisterwerk vor mir sehen und wie, wie gesagt, vermutlich auch kaufen zu können, rieselt mir durch sämtliche Glieder."
Robert Walser, Der Spaziergang. (Am angegebenen Ort)

So freundlich wie energisch lächelt Barbara von Reibnitz am großen Konferenztisch der KWA, der Kritischen Walser-Ausgabe, in Basel. Durch die offenen Fenster wehen zuweilen Musikfetzen herein: immer dieselben Straßenmusiker, klagen die anwesenden Mitarbeiter von Barbara von Reibnitz, die Germanisten Matthias Sprünglin und Christian Walt, mit theatralischem Augenaufschlag. Das gut 25 Quadratmeter große Zimmer der Walser-Editoren liegt inmitten von Basels Altstadt unter dem Dach. Aus den Gauben fällt der Blick auf meist mittelalterliche Häuser, beschirmt von den Türmen des Münsters, des Rathauses und der Martinskirche. Zwei große Computerbildschirme, der Konferenztisch in der Mitte des Zimmers mit Büchern und Papieren, ein Kühlschrank, ein Waschbecken – hier wird das Werk des Schweizers ediert, der bis in die 1920er Jahre hinein eine wichtige Stimme der deutschsprachigen Literatur war, dann vergessen, Ende der 1960er Jahre wiederentdeckt wurde und heute ein moderner Klassiker ist.

Annotation 1: "Dieses Werk ist in seiner publizistischen Zerstreuung und in seiner privatesten Konzentration – wie es die Mikrogrammblätter eindrucksvoll zeigen (diesen Satz beziehen auf „privateste Konzentration"!) – ein verborgenes Werk."
Wolfram Groddeck: Jenseits des Buchs. Zur Dynamik des Werkbegriffs bei Robert Walser. In: text 12, 2008

Das "verborgene Werk" sichtbar machen will auch Christian Walt:

"Walser 1933, sagen wir mal, hat nicht von sich sagen können – vielleicht er als einziger: Das ist mein Gesamtwerk. Weil das war so verstreut, das kann nicht oder konnte nicht als Gesamtwerk wahrgenommen werden. (..) Nur schon aufgrund dieser Situation: Es konstituiert jede Edition das Werk erst."

Erarbeitet wird die Edition des Mannes, der die letzten Jahrzehnte seines Lebend als psychisch Kranker in Heil- und Pflegeanstalten zubrachte.

Annotation 2: "Nach einem Zusammenbruch folgte Robert Walser, dessen Feuilletons Franz Kafka entzückten, Anfang 1929 dem Rat eines Psychiaters und dem Drängen seiner Schwester und begab sich in die Heil- und Pflegeanstalt Waldau bei Bern. 1933 wurde er gegen seinen Willen in die Heilanstalt Herisau gebracht und schrieb bis zu seinem Tod 1956 keine literarischen Texte mehr. Robert Walser galt als schizophren."

Erarbeitet wird die Edition des psychisch kranken Schriftstellers im Hinterhof des Pharmaziehistorischen Museums Basel durch Barbara von Reibnitz und Matthias Sprünglin. Hans-Joachim Heerde sucht im Zeitschriftenarchiv im Berliner Westhafen nach Walser-Texten, und im zweiten, Züricher Büro, beim Lehrstuhl von Wolfram Groddeck, edieren Christian Walt und Angela Thut.

Matthias Sprünglin: "Wir haben die Aufteilung dann so, dass wir in Basel hier die ersten drei Abteilungen im Wesentlichen erarbeiten, die Drucktexte, also die Bücher, die von Robert Walser selber publiziert wurden, die Zeitschriften und die Zeitungen, und in Zürich werden im Wesentlichen die handschriftlichen Hinterlassenschaften Walsers ediert. Das sind viele Einzelmanuskripte, Reinschriftmanuskripte, dann die Romanmanuskripte und natürlich die Mikrogramme."

Matthias Sprünglin, Germanist und Informatiker, ist zudem verantwortlich für die elektronische Kritische Walser-Ausgabe, die KWAe, die als DVD jedem gedruckten Buch beiliegt. Gedruckt und digital wird also vorgelegt, was von Robert Walser schriftlich existiert, dazu Briefe, Rezensionen und weitere Texte über ihn. Es ist eine gewaltige Ausgabe, vornehmlich für Literaturwissenschaftler.

Barbara von Reibnitz: "Inzwischen sind wir bei 50 Bänden."

Jochen Greven genügten für "Gesamtwerk" Robert Walsers ab 1966 noch zwölf Bände, und die „Sämtlichen Werke in Einzelausgaben" passten 1986 in 20 Bände. Robert Walser selbst hat nur 15 Bücher veröffentlicht, darunter drei Romane, alle sind innerhalb von drei Jahren in Berlin entstanden: „Geschwister Tanner" (1907), „Der Gehülfe" (1908) und „Jakob von Gunten" (1909). Weitere Romane hat Walser immer wieder begonnen, ohne sie zu vollenden.

Annotation 4: "Ich war so unklug und unvorsichtig gewesen, durchblicken zu lassen, dass mir unter der Feder oder unter dem Federhalter ein neuer großer Roman hervorfließe. In reichem Maße lernte ich das Elend kennen, das ein Romanschriftsteller zu erleben bekommt, der seinen neuen, erstaunlichen und packenden Roman mehr zu liefern treuherzig verspricht als wirklich und wahrhaftig auf den Tisch legt und liefert, der denselben mehr durchblicken lässt und in Aussicht stellt als schreibt."
Robert Walser, Poetenleben. KWA-Abteilung I (Buchpublikationen), Band 9

Die Unfähigkeit, die von Lesern und Verlegern gewünschte Großform zu liefern, entspringt keiner Schreibkrise. Walser schrieb unablässig. Zeitweise erschienen alle drei, vier Wochen Texte von ihm in Zeitungen oder Zeitschriften: im Berliner Tageblatt, in der Neuen Zürcher Zeitung, dem Berner Bund, der Prager Presse, dem Prager Tagblatt, der Neuen Rundschau, der Schaubühne, der Ähre und vielen mehr.

Barbara von Reibnitz: "Er wollte ein Werk schaffen."

Christian Walt: "Das haben wir bei „Seeland" und „Poetenleben" gesehen. Der ursprüngliche Plan war, alles zu versammeln, was er geschrieben hat bis dahin. Das hat halt nie funktioniert!"

So blieb verstreut und unsichtbar, was Walser schrieb. Die KWA holt nun nach, was sie als „Werk-Intention" ...

Annotation 5: Vergleiche Wolfram Groddeck 2008.

"... des Autors versteht: Das Verstreute, die Feuilletons, als eigenständige Werke ernst zu nehmen und zu publizieren. Das „verborgene Werk" Robert Walsers gleicht einem Eisberg, dessen größtenteils unter Wasser liegende Massen die KWA hebt und zur Anschauung bringt. Die stattliche Zahl von 50 Bänden verdankt sich zum kleinsten Teil neuen Funden."

Barbara von Reibnitz: "In der traditionellen Editorik war es ja so, dass man sagt: Man nimmt den Text letzter Hand beispielsweise, erklärt den zum Leittext und stellt im Apparat die Varianten dar, und dann kann sich der Leser aus dem Apparat den anderen Text konstruieren. (...) Wir meinen nun, dass diese (...) sozusagen relationale Klassifizierung von Texten, dass der eine n Entwurf vom anderen sei oder ne Vorstufe vom anderen oder ne entwickeltere und damit perfektere Form (..) von ner früheren Fassung oder so, dass wir das jedenfalls bei Walser und auch bei vielen Autoren eigentlich für falsch halten und glauben, dass die Texte in den unterschiedlichen Fassungen ein eigenes Recht, ne eigene Poetizität, ne eigene Literarizität besitzen, die sich lohnt, in der Form, in der sie vorliegen, eben zu studieren. Das heißt integral. Integral heißt: soll so lesbar sein, geschlossen, wie er gefertigt wurde und nicht als Vorstufe oder (...) spätere Fassungen. (..) in allen diesen Fassungen soll er lesbar sein und befragbar auf seine Differenz."

Christian Walt: "Das heißt, ein Text kommt dreimal vor."

Barbara von Reibnitz: "Wenn es das gibt, kommt n Text in drei Erscheinungsformen vor, ja."

Wenn nämlich Walser einen Text zunächst in den Mikrogrammen notierte, ihn dann sauber – rein – abschrieb und schließlich an eine Zeitung oder Zeitschrift schickte. Oder den Artikel in eines seiner Bücher aufnahm, in die "Aufsätze", in "Kleine Dichtungen", "Prosastücke", "Poetenleben" oder "Seeland".

Barbara von Reibnitz: "Ein Zeitungsdruck wird als Zeitungsdruck ediert, ein Buch wird als Buch ediert, und ein Zeitschriftendruck als Zeitschriftendruck, n Reinschriftmanuskript als Manuskript, und ein Entwurf zu dem Reinschriftmanuskript, die Mikrogramme, als Mikrogramm."

Neben dieser integralen Edition aller überlieferten Texte in der jeweiligen Form tragen zur großen Zahl der Bände die Faksimiles bei, also die Schwarzweiß-Fotografien jeder Handschriftenseite, sowie die "Umschriften", die die schwer lesbaren Handschriften erschließen. Dazu kommt die elektronische Version, die den Büchern als DVD beiliegt und fortlaufend um den Inhalt der jährlich zwei neuen Bände ergänzt wird. Diese elektronische Ausgabe ist kein PDF der Druckbände, sondern besitzt eigene Funktionen.

Matthias Sprünglin: "Man kann chronologisch die Texte anschauen oder sie können sich das natürlich in der Ordnung anschauen, wie wir es ediert haben, also nach Druckorten, oder sie können sich auch nach Publikationsort sich das anzeigen lassen, oder Manuskripte nach Aufbewahrungsort beispielsweise können sie sich zusammenstellen lassen über diese Baumansicht."

Die elektronische Edition präsentiert alle Texte Walsers in verschiedenen Fassungen, und sie verbindet sie mit den Schwarzweißfotografien der Faksimiles, so dass die Überlieferungs- oder Publikationskontexte sichtbar werden.

Matthias Sprünglin: "Wir faksimilieren in der elektronischen Version alles, die Handschriften, aber auch die Bücher und auch die Zeitschriftendrucke. Das heißt, sie können in der elektronischen Edition die ganzen Zeitungsseiten, auf denen die Walser-Texte stehen, anschauen."

Umschriften erhalten allerdings nur die Texte von Robert Walser, nicht die Nachrichten, Berichte, Meldungen, Kommentare auf derselben Seite. Und natürlich gibt es für die teilweise winzigen und in der Originalgröße nicht lesbaren Handschriften Umschriften, die in der KWAe sehr komfortabel zu nutzen sind.

Matthias Sprünglin: "Das Ganze ist auch jeweils verknüpft, also sie können hier draufklicken, und dann sehen sie hier diesen kleinen roten Rahmen um das Textstück, das Sie gerade hier anschauen. Das funktioniert natürlich auch für die Werkmanuskripte, machen wir das mal auf, das dauert einen Moment, aha, es geht, hier ist das zeilenweise verknüpft. Sie sehen hier im oberen Bereich, das Bild der Handschrift, und wenn Sie eine Zeile der Handschrift anklicken, wird die Zeile in der Umschrift markiert und umgekehrt, also wenn Sie eine Zeile in der Umschrift anklicken, dann die entsprechende Zeile in der Handschrift angezeigt. Sie können das vergrößern, bis Sie das lesen können. Das wird sehr wichtig bei den Mikrogrammen."

Noch etwas kann die elektronische Edition: Textversionen vergleichen. Die KWA ist germanistische Grundlagenforschung, auf der künftige Ausgaben Walsers aufbauen können – auch die Leseausgabe, die zur Zeit parallel in Bern erarbeitet wird. Ohne die Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds, einiger schweizerischer Stiftungen sowie der Universitäten in Basel und Zürich wäre das Mammutunternehmen, dessen letzter Band im Jahr 2028 erscheinen soll, nicht denkbar. Die Verlage Stroemfeld in Frankfurt und Schwabe in Basel sorgen für Layout, Satz, Druck und Vertrieb; ein wirtschaftliches Risiko übernehmen sie nicht. In regelmäßigen Abständen müssen die Fördergelder – vor allem eine halbe Million Schweizer Franken jährlich an Personalkosten – neu beantragt werden. Angesichts des wohl zweistelligen Millionenbetrags, die in der Germanistik – anders als in den Naturwissenschaften – recht viel Geld sind, gibt es natürlich kritische Stimmen.

Annotation 6: "Die von allerlei staatstragenden Institutionen geförderte 'Kritische Ausgabe' erscheint dagegen als eine feierliche Erhebung des Werks zum Schweizer Nationalheiligtum." Friedmar Apel: Er wollte kein lieblicher Schnörkel sein."
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.2.2014.

Doch die Kritische-Walser-Ausgabe treibt keine Verehrung, sie soll unser Bild von Robert Walsers Werk verändern.

Barbara von Reibnitz: "Die Idee vom Ganzen war ne Rekontextualisierung, wenn man so sagen will."

Denn der Kontext, so die Überzeugung der Editoren, beeinflusste Robert Walsers Schreiben. Kontexteffekte sind unmittelbar in den Mikrogrammen zu sehen: Viele der 526 Blätter mit nicht weniger als 1400 Texten waren nämlich oft nicht leer, als Walser beschrieb.

Christian Walt: "Es ist oft so, dass – vor allem in den Mikrogrammen so, dass Texte auf ... schon auf diesem Blatt (..) vorhandenes Material reagieren, sei es eigene Texte schon oder andere Texte, also fremde Texte, und auf einem dieser Drucksachenumschläge, die wir als Poster hier im Büro hängen (...) haben, ist ein Stempel ..."

Annotation 7: "Der Stempel trägt die Inschrift „Mercy". Heinrich Mercy hieß der Verleger des „Prager Tagblatt", in dem Walser viel publizierte."

Christian Walt: "... und er hat dahinter dann in Schweizerdeutsch geschrieben: Vielmal, das heißt: Danke vielmals. (...) Man kann sehen, dass die materiale Vorlage schon mit daran arbeitet, was für poetische Texte darauf stehen."

Die Einfachen

können den Geistesschwachen

verwandt sein,

doch ausgeschlossen ist nicht,

dass unter der Schicht,

die die Simplizität bildet,

die ihr Benehmen mildert,

sie schlummern und wachen,

gutmütig und klug zugleich sind.

Lege das nicht rasch zu deinen

Gunsten dir aus, geehrtes Herrlein,

und ob dies hier ein Liedlein

mir ist, verschwendet wurden viele

intelligente Worte schon im Lallen,

das sich [...], um des Napoleons

letzte Seufzer auf Sankt Helena.

Robert Walser, Aus dem Bleistiftgebiet. Mikrogramme aus den Jahren 1924–1925, Band 2: Gedichte und dramatische Szenen. Im Auftrag des Robert Walser-Archivs der Carl Seelig-Stiftung/Zürich entziffert und herausgegeben von Bernhard Echte und Werner Morlang, Frankfurt am Main 1985, S. 396.

Christian Walt: "Es gibt einen Fall von einem Gedicht, wo Napoleon vorkommt in einer Zeile relativ weit hinten, die relativ lang ist, und (...) ein anderes Gedicht steht daneben und muss einen kleinen Bogen machen um dieses Napoleon, was da am Ende eines Verses steht, und in diesem anderen Gedicht ist von einem „schlachtenverlorenhabenden General" die Rede, der nicht genannt wird. Und aufgrund dieser Nachbarschaft, nur aufgrund dieser Nachbarschaft, kann man den Rückschluss ziehen, dass damit vielleicht Napoleon gemeint ist. Das heißt, die Texte befruchten sich topographisch manchmal (...). Man kann nicht immer eine Intention oder ein Kalkül unterstellen, das sind auch zufällige Effekte, die passieren."

... und ob dies hier ein Liedlein

mir ist, verschwendet wurden viele

intelligente Worte schon im Lallen,

das sich [...], um des Napoleons

letzte Seufzer auf Sankt Helena."

Kontext sind auch Literaturkritiken, die Walser durchaus wahrnahm, weshalb die KWA sie ebenfalls versammelt.

Barbara von Reibnitz: "Man sieht natürlich auch die Stereotype, gegen die so n Autor wie Walser sich auch zur Wehr setzen musste. Also man merkt dann, wie die Rezeption wieder sein Schreiben in anderer Weise steuert und antreibt. (..) In vielen Fällen, könnte man denken, ist es ne ironische Reaktion auf ganz bestimmte (..) Stereotype, die ihm aus der Literaturkritik entgegengetragen werden."

Matthias Sprünglin: "Das Element des Romantischen beispielsweise ist so etwas, das in „Poetenleben" aufgenommen wird. Ich glaube, eigentlich in der ersten Rezension, ich denke, Widmann hat das eingeführt in der Rezension (..) zu „Geschwister Tanner", also zum ersten Roman, da kommt der Taugenichts ins Spiel, also die Figur Walsers als Taugenichts. Und das ist so ne Konstante, die sich durch die Rezeption von da an durchzieht. Also der wird immer mit dem Taugenichts verglichen. (von Reibnitz) „Poetenleben" zumal! (Matthias Sprünglin) Und „Poetenleben" zumal, ja, aber „Poetenleben" kommt dann schon daher in diesem Gewand dann wirklich. (...) der Taugenichts kommt nicht als Figur vor, aber als Adjektiv kommt er immerhin vor irgendwo, taugenichts..., taugenichtsisch oder so."

Christian Walt: "Ich habe nur noch ein kleines Beispiel aus dem NZZ-Band gefunden, wo man ziemlich genau nachvollziehen kann, wie Walser auf ein Rezensentenurteil reagiert in seinem Text. Nämlich schreibt Eduard Korrodi, der Feuilletonredaktor der NZZ, eine Rezension über die „Rose", 1925, und zwar am 28.1."

Annotation 8: "Diesen Herrn Korrodi oder Krokodilödeli", nennt Robert Walser den NZZ-Redaktor Eduard Korrodi, nachdem er sich mit ihm überworfen hat, in einem Brief an seine Freundin Frieda Mermet vom 22.4.1926.
Zitiert nach: KWA III, Band 3. Drucke in der Neuen Zürcher Zeitung. Dokumentarischer Anhang, S. 421.

Christian Walt: "... die ist übertitelt mit „Walser über Walser". Und darin heißt es dann (...): "Der Dichter Robert Walser schreibt am liebsten über sich, die Ab- und Reinschrift seines besseren Selbst." (...) Und ein halbes Jahr später erscheint in derselben Zeitung ein Text von Walser mit dem gleichen Titel „Walser über Walser", (..) der so beginnt: "Hier können sie den Schriftsteller Walser sprechen hören. (...) An Herrn Walser, den Schriftsteller. So lauten Adressen von an mich gerichteten Briefen, als wollten mich gewisse um mich besorgte Leute an mein Schriftstellertum mahnen. Schläft sie etwa in mir, die Schriftstellerei? Wollen mich Wohlwollende etwa wecken? Als ich zum Beispiel einst den 'Gehülfen' erlebte, schlief der Schriftsteller Walser zunächst auch. Sonst wäre ich ja ein unnatürlicher Gehilfe gewesen. (...)" Und dann heißt es irgendwo: „Alles, was Schriftsteller Walser später schrieb, musste von demselben vorher endlich erlebt werden." Das ist eine Aussage, die oft benutzt wird für relativ platte biographische Rückbezüge (...). Wenn man sie aber kontextualisiert mit (...) der Rezension, die ein halbes Jahr vorher erschien, dann wird das auf einmal eine ironische Subvertierung. Weil er einfach das Bild, was an ihn gestellt wird, durch Übererfüllung quasi unterwandert!"

Die Kritische Walser-Ausgabe räumt mit der idealistischen Vorstellung des genialisch schöpfenden Künstlers ebenso auf wie mit dem Klischee des isolierten Schriftstellers. Walser ist ihr ein Teil eines Kommunikationszusammenhangs. Er hatBeziehungen: zu Texten anderer und ihren Verfassern, seien es Redakteure, Kritiker oder Feuilletonisten, Alfred Polgar etwa, Franz Hessel oder Fred Hildenbrandt.

Barbara von Reibnitz: "Gibt's vielleicht Korrespondenzen zwischen den Texten der Autoren, die in den gleichen Zeitungen veröffentlicht haben? Auch wenn wir jetzt nicht die anderen Autoren mitedieren, sollte das für andere Autoren nachvollzogen werden, vielleicht auch sehen, dass es so etwas wie ein feuilletonistisches ... Gespräch ist vielleicht zu viel gesagt, aber doch ein Reagieren der Texte aufeinander gegeben hat, von dem man jetzt noch gar keine Ahnung hat. Die haben sich ja alle gegenseitig auch gelesen."

Die KWA präsentiert Robert Walsers Werk als Ausdruck von Beziehungen zu Texten und Menschen. Diese Beziehungen laden es mit Bedeutung auf – am deutlichsten die Zeitungstexte. Daher enthält die KWA die Faksimiles ganzer Zeitungsseiten, während die gedruckte KWA eine schematische Darstellung der Seite zeigt und verzeichnet, welche Texte über und neben dem von Walser stehen. Die Redakteure des Feuilletons wählten aus einem Konvolut von Walser-Texten aus und reagierten nicht selten auf die politischen Meldungen des Tages. Meldet das Berliner Tageblatt am 18.3.1927 oben „Amerika gegen Rüstungskontrolle", steht unten Walsers "Der Mann mit der eisernen Maske".

Annotation 9: "Angesichts der sich in diesen Bänden der KWA immer wieder eröffnenden atemberaubenden Bezüge zwischen politischer Berichterstattung und Walsers Prosastücken muss auch von einer beeindruckenden Kompositionsleistung der Redaktionen ausgegangen werden, die die literarischen Texte nicht als bloßes Beiwerk, sondern geradezu als Einspruch gegen das diskursiv über dem Strich Berichtete 'inszenierten'."
Sabine Eickenrodt, Rezension der KWA-Bände III, Band 1. Drucke im Berliner Tageblatt, und III, Band 3. Drucke in der Neuen Zürcher Zeitung, in: Zeitschrift für Germanistik, Heft 3, 2014.

Die Pointe dieser Lesart der KWA und wohl die Urzelle der Überlegungen ihrer Herausgeber: Walser hat diese Beziehungs-Poetik selbst verfolgt. Die Kontextualisierung war, so die These der KWA, Teil seiner „Werk-Intention".

Annotation 10: Vergleiche Groddeck 2008.

Das lässt sich an den Büchern zeigen, die Walser selbst zusammenstellte. Die ersten Bände sind Sammlungen, die zuvor in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten Feuilletons werden kaum überarbeitet. Dies ändert sich, wissen Matthias Sprünglin und Christian Walt, als Walser bei seinem Verleger auf Unwillen trifft – der geplante Band sei zu umfangreich. Walser beginnt zu konzipieren und umzuarbeiten.

Matthias Sprünglin: "(...) für „Seeland" wie auch für „Poetenleben" (..) muss man eigentlich von Fassungen sprechen, die so stark abweichen von den Erstdrucktexten, dass (..) man das nicht mehr in einem Variantenapparat verzeichnen könnte. Also es sind wirklich andere Texte. Und bei dieser Überarbeitung wurden die Texte auch stärker aufeinander bezogen."

Christian Walt: "Man hat das Gefühl, Robert Walser entwickelt eine neue Art von Kontext- und Nachbarschaftsbeeinflussungspoetik, weil er anfängt zu realisieren (...) oder poetisch nutzbar zu machen, dass Texte mit ihrer Nachbarschaft oder mit den nachbarschaftlichen Texten anfangen zusammenzuwirken. (...) Das sind semantische oder bedeutungsmäßige Effekte, die man nicht so einfach in (..) schlagkräftige Interpretation übersetzen kann, (...) und deshalb ist es vielleicht auch ein bisschen schwierig, das (..) auszuformulieren – aber es beginnt ne Rolle zu spielen, dass die Bedeutung der Texte nicht nur in den Texten selber liegt, sondern auch wie sie mit anderen Texten zusammen in einer Reihe stehen zum Beispiel. (...) und das ist, glaube ich, noch wirklich fast unerforscht für Walser, dass darin auch eine poetische Qualität liegt, also dass man etwas zu einem neuen Text macht, wenn man es vielleicht gar nicht so radikal umarbeitet, sondern wenn man einfach nur das an eine andere Stelle im Bezugssystem setzt."

Die Avantgardekünstler jener Zeit machen Kunst, indem sie Kontexte wechseln und ein Urinal in einen Ausstellungsraum stellen. Auch Walser ist ein Avantgardist, der sich mit den literarischen Mitteln des 19. Jahrhunderts und dessen erfolgreichster Form, dem Roman, schwer tut. Er stellt Beziehungen her, reagiert sprachlich auf vorhandenes Material. Seine eigentümlich fließenden, naiv-raffinierten Texte entstehen in Konstellationen, die nicht bedeutungslos sind. Verborgen war Walsers Werk nicht nur als bisher verstreutes. Es war auch verborgen, weil sein Kontext, seine Beziehungen und Bezugnahmen nicht wahrgenommen werden konnten.

Robert Walser, der Autor, der fast immer Ich sagt in seinen Texten und oft einsam scheint, er war gar nicht so allein.

Barbara von Reibnitz: "Vielstimmigkeit ist das Kennzeichnende in seiner Poetik. Es ging ihm auch darum. Er wollte selber keine Festlegungen. Das war ein Grund für die unbestimmten Titel. Diese Buchpublikationen haben ja alle so eigentümlich nichtssagende Titel. Die heißen „Aufsätze" oder „Geschichten" oder „Kleine Dichtungen". Er wollte einen Assoziationsspielraum, der kein linearer ist, also nicht durch nen Titel gesteuert und auch nicht durch ne Sequenz, in der es gelesen wird. Natürlich ergibt sich was, wenn man ein Buch von A bis Z durchliest, aber wenn man's durchliest, merkt man nachher auch, dass es n ganz komplexes Bezugssystem gibt. Also dass Texte am Ende von nem Buch auf einmal mit dem am Anfang irgendwo spielen, ja. Das ist sozusagen auch n Assoziationsreichtum sowohl der Sprache als auch der Texte in ihrer Bezüglichkeit, (...) der deutlicher wird, wenn man sich auf diese Weise in einer freigelassenen Konstellativität interessiert für die Texte. (...) Es ist eigentlich die Lust am Lesen, die (...) unglaublich gewinnt, wenn man sich selber auch freilässt von (...) dem Interpretationszwang, wenn man wirklich irgendwie in erster Linie sich mal dafür interessiert, wie reich die Texte sind und wie sie sich immer mehr entfalten sozusagen in ihrem Zusammenstehen."

Annotation 11: Barbara von Reibnitz, Gesamtherausgeberin, im elften Jahr der Arbeit an der KWA, der Kritischen-Walser-Ausgabe.

 

 

Zeitfragen

SelbststeuerungDie Auto-Autos kommen
Der Straßenverkehr steht vor einem Umbruch - mit Selbststeuerung.  (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Fahrzeuge handeln immer selbstständiger - mit Folgen für Fahrer, Umwelt und Gesellschaft. Der Straßenverkehr steht vor einem Umbruch. Nun wird versucht, die kleinen und großen Unwägbarkeiten dieses Wandels vorauszuahnen.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur