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Fazit | Beitrag vom 24.03.2016

40 Jahre Militärputsch in ArgentinienDas Trauma in der argentinischen Kunst

Von Wolfgang-Martin Hamdorf

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(picture alliance / dpa / AFP)
Der argentinische Staatspräsident General Jorge Videla (r) und Admiral Emilio Massera (l), Mitglieder der von 1976 bis 1983 regierenden Militärjunta in Argentinien, in Buenos Aires (Archivfoto von 1977). (picture alliance / dpa / AFP)

Vor 40 Jahren leitete der Militärputsch in Argentinien eine der grausamsten Phasen in der jüngsten Geschichte des Landes ein. 30.000 Verschwundene und Ermordete waren die Bilanz nach acht Jahren Terror. Bis heute ist die Vergangenheitsbewältigung nicht abgeschlossen.

"Das ist eine sehr tiefe Wunde. Wissen sie, wenn so etwas passiert, dass einer morden kann, und dann trotzdem frei herumlaufen kann, ist das für die Textur der gesellschaftlichen Beziehungen eine Katastrophe, weil man muss lernen, dass das Gesetz für alle gilt. Und das ist etwas, was diese Gesellschaft sehr entzweit hat und uns sehr verzweifelt gemacht hat."

Die Präsidentin der Akademie der Künste in Berlin Jeanine Meerapfel. In ihrem Film "La amiga" griff die deutsch-argentinische Filmemacherin bereits 1988 die tiefen gesellschaftlichen Traumata nach der Diktatur auf. In Berlin wird die Akademie der Künste in den nächsten Monaten den Staatsterror und die Verletzung der Menschenrechte am Rio de la Plata in einen internationalen Kontext analysieren. In Argentinien präge die Vergangenheitsbewältigung noch immer das öffentliche Leben, sagt Meerapfel:

"Die ganze Kultur ist wirklich getönt, durch dieses Erlebnis, das ist nicht etwas, was man schnell hinter sich bringt. Und es ist auch richtig, das man sich damit auseinandersetzt. Das ist nicht viel anders, ohne einen direkten Vergleich machen zu wollen, wie Deutschland nach der Nazizeit. Bis heute beschäftigen sich Künstler mit diesem Thema, weil das ist ein Thema, das man nicht einfach ablegen kann."

Militärdiktatur wird zum Klischee

Ein nationales, ein kollektives Trauma, das im Film, im Theater, im Comic und besonders in der Literatur immer wiederkehrt. Oft als ganz persönliche Geschichte oder als Familientragödie, wenn es etwa um die zwangsadoptierten Kinder der Opfer geht, die in regimefreundlichen Familien unter falscher Identität aufwuchsen, wie in den Romanen der 63 jährigen Schriftstellerin Elsa Osorio. Immer wieder geht es um die Familien, der "Desaparecidos", der Verschwundenen, der Opfer der Diktatur.

"Die Vergangenheitsbewältigung ist eine kulturelle Marktlücke."

Der Schriftsteller Alan Pauls warnt davor, dass sich die Militärdiktatur in ein urargentinisches Klischee verwandelt:

"In den Buchhandlungen von Buenos Aires stehen Regale voller Fachliteratur zur Militärdiktatur, zum Staatsterrorismus, zur Unterdrückung, zu den Verschwundenen und zu allen möglichen Facetten. Da kommen immer mehr Bücher hinzu, das führt aber nicht notwendigerweise dazu, dass die Argentinier viel wissen über die Zeit zwischen 1976 und 1983. Die Kulturindustrie entbindet den Einzelnen von der Aufgabe sich selbst mit der Vergangenheit auseinander zu setzen."

Interesse an der Vergangenheit wächst

Ein Zentrum der Erinnerung, die den Einzelnen mit der Vergangenheit konfrontieren soll, ist dabei eine Gedenkstätte, die an einem besonderen Ort des Schreckens angesiedelt ist: In der ehemaligen Militärschule, der ESMA, der "Escuela de Mecánica de la Armada" einem der größten Folterzentren während der Diktatur. Hier wird die Verletzung der Menschenrechte erforscht, dokumentiert und ausgestellt. Die jahrelange Arbeit von Menschenrechtsorganisationen und der Gedenkstätten hat Früchte getragen, räumt auch Alan Pauls ein:

"Die Sorge um die Menschenrechte ist heute Teil des gesellschaftlichen Grundkonsenses in Argentinien. Heute würde die argentinische Rechte es nicht mehr wagen, wie noch vor 20 Jahren unter Präsident Menem, zu sagen, die Militärs seien doch gar nicht so schlecht gewesen und hätten doch auch ihr Gutes gehabt."

Wie groß das Interesse an der Vergangenheit plötzlich werden kann, zeigt der Überraschungserfolg des Films "el clan", der im vergangenen Jahr zum erfolgreichsten Blockbuster der argentinischen Kinogeschichte wurde. Regisseur Pablo Trapero erzählt einen authentischen Fall organisierter Bandenkriminalität: Die Geschichte der Familie Pucci, die nach der Diktatur das Land erschütterte.

Ursachen für Diktatur noch nicht abschließend geklärt

"Es gab so viele Komplizen. Es gab so viele Komplizen. Etwa die Terrorgruppe ‚Triple A‘, bei der auch Arquimedes Pucci mitmachte, die von der letzten demokratischen Regierung unter Isabél Perón gezielt zur Ermordung ihrer Gegner angesetzt wurden. Die ganze Geschichte warum die Diktatur an die Macht kam ist nicht geklärt",

so Trapero. Die Puccis als eine konservative Modellfamilie, die neben ihrem bürgerlichen Leben, zunächst im Auftrag der Regierung und nach deren Sturz auf eigene Rechnung, entführte, Lösegeld erpresste und ermordete. Die scheinbar ganz normale Familie steht auch für den wirtschaftlichen und moralischem Niedergang einer Gesellschaftsschicht, sagt Trapero:

"Es fehlt bis heute eine Auseinandersetzung über die eigentlichen Ursachen der Diktatur. Welche Komplizen hatten die Militärs in der Gesellschaft? Wer hat wirtschaftlich profitiert an der Militärdiktatur? Ich glaube diese Fragen werden immer stärker diskutiert werden, besonders von den jüngeren Generationen. Es ist sehr schmerzhaft zurück zu schauen, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass sich diese schreckliche Zeit nie wiederholen wird."

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