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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 24.09.2015

25 Jahre Neue LänderWie das geteilte Berlin zusammenwächst

Von Claudia van Laak

28 Jahre nach dem Mauerbau ist das Brandenburger Tor wieder zugänglich: DDR-Ministerpräsident Hans Modrow und Bundeskanzler Helmut Kohl lassen am 22. Dezember 1989 Friedenstauben aufsteigen. In der Mitte Walter Momper, Regierender Bürgermeister von Berlin.  (picture-alliance/ dpa)
Wiedervereinigt: DDR-Ministerpräsident Hans Modrow und Bundeskanzler Helmut Kohl lassen am 22. Dezember 1989 Friedenstauben aufsteigen. In der Mitte Walter Momper, Regierender Bürgermeister von Berlin (picture-alliance/ dpa)

Nirgends war die Wende so präsent wie in der geteilten Stadt Berlin. Die Wiedervereinigung stellte die Behörden vor immense Aufgaben. Zwei ehemalige Polizeipräsidenten und Politiker aus Ost und West erinnern sich.

"Tach, Herr Bachmann! - Guten Tag, Herr Schertz. - Freut mich, Sie zu sehen! - Ja, schön. In letzter Zeit recht oft. - So ist es."

Ein älterer Herr im korrekten dunklen Doppelreiher, mit weißem Hemd und Krawatte – eher klein, schmal und mit leiser Stimme. Ein zweiter älterer Herr in Jeans und knallblauem Freizeithemd. Laute Stimme. Groß und massig. Fester Händedruck der beiden.

"Mein Name ist Dirk Bachmann. Ich bin 67 Jahre alt und war der Polizeipräsident im Osten Berlins mit der kürzesten Dienstzeit. Es waren nur 9 Monate, vom 1. Januar bis 1. Oktober 1990."

"Mein Name ist Georg Schertz, ich bin 80 Jahre alt, war von 1987 bis 92 Polizeipräsident …"

... erst in West- und dann in Gesamtberlin. Klarer Fall, die Geschichte kennen wir: Der eine – Ost – wurde arbeitslos, der andere – West – wurde ein noch größerer Chef. Die Schicksalsstunde: 1. Oktober 1990, 13:00 Uhr im Ostberliner Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Der Westberliner Polizeipräsident Georg Schertz übernimmt die Polizeihoheit für ganz Berlin:

Schertz: "Dann haben wir, nachdem die Formalien erledigt waren, uns beide zu einem Vieraugengespräch zurückgezogen. Und da habe ich Herrn Bachmann gesagt, dass ich ein menschliches Gefühl dafür habe, was in ihm wohl vorgeht, wenn Sie ein Leben lang sich auf diese Aufgabe eingestellt haben, da ihre Pflicht erfüllt haben, und nun sehen Sie, diese Welt bricht zusammen. Und dann habe ich ihm allerdings gesagt, er verlässt dieses Gebäude jetzt, bei allem was geschehen ist, als freier Mann. Wenn ich mir die Situation umgekehrt vorgestellt hätte, also die andere Seite hätte diese Auseinandersetzung im Ost-West-Konflikt gewonnen, dann hätte ich erhebliche Zweifel, ob ich den Tempelhofer Damm als freier Mann verlassen hätte."

Bachmann: "Ich kann mich jetzt an das im Einzelnen nicht mehr erinnern, aber es war ja immer auch mein Wunsch, dass auch meine menschliche Lebensleistung mit Respekt, mit Achtung verfolgt und anerkannt wird, und wir hatten dann fast 25 Jahre Funkstille und sind jetzt in den letzten Monaten wiederholt zu Gesprächen zusammengekommen. Und da spürte ich diesen Respekt auch, sich auf Augenhöhe zu befinden, was mir damals eben fehlte, zumindest habe ich das subjektiv so wahrgenommen."

Es geht Bachmann um Achtung und Respekt

Die Augen von Dirk Bachmann sind gerötet. Schwimmt nicht auch die ein oder andere Träne darin? Sein erzwungener Abschied aus dem DDR-Polizeidienst ist jetzt 25 Jahre her, berührt ihn aber bis heute. Wenn er über den Vereinigungsprozess von Ost- und Westberliner Polizei redet, sind immer wieder Begriffe wie "Achtung", "Respekt", "Begegnung auf Augenhöhe" zu hören, – aber auch der Vorwurf an die Westseite, den Osten okkupiert zu haben.

Bachmann: "Es war für mich eine Zeit ziemlicher Ohnmacht und Hilflosigkeit, es gab keine Gespräche. Und ich wurde natürlich von unseren Mitarbeitern gefragt: Wie geht's denn weiter? Werde ich auch zukünftig einen Platz in der Gesamtberliner Polizei haben?"

Das Problem für Dirk Bachmann: Er konnte seinen Mitarbeitern keine Auskunft geben, wusste im Sommer 1990 nicht, wie es weitergehen würde mit den Volkspolizisten. Die Westberliner Seite akzeptierte ihn nicht als Gesprächspartner: Als Ostberliner Polizeipräsident und SED-Mitglied gehörte er zu der DDR-Funktionärs-Elite, die man im neuen Gesamtberlin nicht haben wollte. Dass bereits zwei Tage vor dem offiziellen Beitrittstermin – dem 3.Oktober 1990 – alle Ostberliner Polizisten dem Westberliner Polizeipräsidenten unterstellt wurden, erfuhr er nur indirekt.

Bachmann: "Es gab am 26. September einen gemeinsamen Beschluss Ost/West zur Übertragung der Polizeihoheit an Herrn Schertz. Von diesem Schreiben habe ich aus den Medien, aus der Presse erfahren, was mir natürlich auch nicht sehr gefallen hat."

Sein Gegenüber Georg Schertz geht auf die Vorwürfe nicht ein. Warum auch, kann er sich doch in gewisser Weise als Sieger der Geschichte fühlen. Mehr oder weniger handstreichartig übernahm der Jurist am 1. Oktober 1990 das Kommando über 10.000 Volkspolizisten – die Freude über diesen Coup merkt man ihm bis heute an. Der 80-Jährige wirkt so munter, als sei er erst gestern in Rente gegangen. Die Beschleunigungskräfte in Richtung Wiedervereinigung wurden stärker und stärker, erinnert er sich.

"Ich habe deshalb in meiner eigenen Behörde, und zwar ohne überhaupt nur den Innensenator zu unterrichten, ein Konzept entwickelt, wie kann man am Tag X die Polizeiverantwortung für ganz Berlin übernehmen. Ich habe gesagt, Herr Senator, wie soll's denn jetzt geschehen? Da hat er geantwortet: Na ja, wir sind da am Bedenken. Dann habe ich gesagt, Herr Senator, was halten Sie denn davon - und dann habe ich ihm meine Ausarbeitung gegeben und es ist danach auch gehandelt worden."

West-Berlin war zu diesem Zeitpunkt in fünf Polizeidirektionen aufgeteilt, drei davon grenzten an Ost-Berlin. Am 1.Oktober 1990, 13:00 Uhr wurden die Zuständigkeiten der Direktionen eins, drei und fünf ganz einfach gen Osten ausgedehnt.

Schertz: "Das hat der Bachmann, ich verstehe das menschlich, so ein bisschen als Okkupation empfunden, aber ich wollte sicherstellen, dass am Tage X polizeiliches Handeln aufgrund der bestehenden gesetzlichen Rechtslage erfolgte, und zwar in jedem einzelnen Fall vor Ort, und deshalb die Übernahme der Führungsverantwortung durch Westberliner Polizisten."

Auch Kriminelle nutzen die Wendezeit aus

Der Zeitraum zwischen dem Mauerfall am 9. November 1989 und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 – diese elf Monate waren für die Berliner Polizei in Ost und West besonders heikel. Durften doch die DDR-Volkspolizisten nicht in West-, die Westberliner Polizisten nicht im Osten der Stadt tätig werden. Kriminelle nutzten diese Lage weidlich aus – eine Bank überfallen, mit der Beute in die DDR rasen und den Westberliner Beamten eine lange Nase drehen – nur eines von vielen Beispielen. Dazu kam: Ostberlin war kein Land, sondern die Hauptstadt der zentralistisch geführten DDR. Oberster Dienstherr der Volkspolizisten war deshalb der DDR-Innenminister. Das führte zu teils skurrilen Begebenheiten – hatte doch der frei gewählte Ostberliner Oberbürgermeister Tino Schwierzina den Vopos nichts zu sagen. Knut Herbst, damals Fraktionsvorsitzender der SPD:

"Tino Schwierzina und ich waren auf einer Veranstaltung gewesen, kamen abends um 9 Uhr zurück zum Roten Rathaus, wollten reingehen und wurden nicht reingelassen. Und wir haben uns dann vorgestellt: Ich bin Knut Herbst, Fraktion, und das ist Tino Schwierzina, der Oberbürgermeister. Die Antwort war: Das kann ja jeder sagen, zeigen Sie mal Ihren Auswies. Aber wir hatten gar keinen Ausweis. An so etwas hatten wir natürlich nicht gedacht."

Tino Schwierzina und Walter Momper, das war das SPD-Duo Ost-West, das im Jahr 1990 die Bildung des gemeinsamen Landes Berlin vorantrieb. Magistrat auf der einen, Senat auf der anderen Seite – die Berliner sagten schnell "Magisenat".

Tino Schwierzina ist bereits vor zwölf Jahren gestorben, sein Westpendant Walter Momper macht – 70-jährig - fröhlich Geschäfte als Projektentwickler. Gemeinsam mit dem damaligen Ost-SPD-Fraktionsvorsitzenden Knut Herbst erinnert er sich gerne an die Zeit vor 25 Jahren zurück.

"Mir hat's gigantisch Spaß gemacht. - Im Nachhinein müsste man eigentlich Vergnügungssteuer zahlen - Ja!"

Den roten Schal von damals – er wurde zu seinem Markenzeichen – holt Walter Momper nur zu besonderen Gelegenheiten heraus. Zum Beispiel letztes Jahr am 9.November, vielleicht dieses Jahr am 3.Oktober.

Der SPD-Politiker Walter Momper (dpa / picture alliance / Johannes Eisele)Walter Momper, ehemals Regierender Bürgermeister von Berlin. (dpa / picture alliance / Johannes Eisele)

Momper: "Erst einmal war's ja natürlich eine wunderbare Zeit, muss ich schon sagen, weil, man musste nicht so viele fragen, wenn man was machen wollte. Andererseits war natürlich der Handlungsdruck, die Erwartungshaltung aus der Bevölkerung groß, deshalb haben wir's gemacht."

Vor 25 Jahren Stadtoberhaupt in West- beziehungsweise Ostberlin zu sein, das bedeutete Welt- und Kiezpolitik zugleich. Weltpolitik, weil Berlin eine Sonderstellung hatte und bis zum 3.Oktober 1990 unter dem Viermächtestatus stand. Im Westen hatten letztendlich US-Amerikaner, Briten und Franzosen das Sagen, im Osten die zerfallende Sowjetunion. Kiezpolitik, weil es in Ostberlin ganz plötzlich kein Brot mehr gab.

Momper: "Die Brotversorgung, mit der hatte Tino Schwierzina große Schwierigkeiten, weil das vorher natürlich auch zentralistisch geregelt war. Auf einmal stockte das, ich weiß gar nicht warum, es gab nicht genug Brot. Da war dann wer weiß was los, und plötzlich hieß es, der Oberbürgermeister muss es regeln. Obwohl in der neuen Wirtschaftsordnung da gar nichts zu regeln war, da mussten die halt so viel Brot backen wie gebraucht wird."

Wo kommt jetzt das Brot her und wie werden wir eigentlich ein gemeinsames Bundesland? Die erste Frage war einfacher zu beantworten als die zweite. Gab es doch keine Gesetzesgrundlage, auf der man West- und Ostberlin hätte zusammenführen können. Das eine Berlin ein Land, das andere eine Stadt – ohne die Befugnis, eigene Gesetze zu erlassen.

Momper: "Nach der westlichen Rechtsauffassung war ja Ostberlin eben nur vorübergehend an der Teilhabe an Westberlin gehindert, wenn man es so will."

Bürgerrechtler schrieben eigene Verfassung

Das klingt so, als ob Momper es gerne gemacht hätte wie sein damaliger Polizeipräsident – Ausdehnung der Zuständigkeiten auf Ostberlin. Doch der damalige Regierende Bürgermeister und SPD-Politiker hatte nicht die Rechnung mit den stolzen Bürgerrechtlern in seiner eigenen Partei gemacht. 1990 erarbeitete der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Knut Herbst zusammen mit anderen Stadtverordneten eine eigene Verfassung für Ost-Berlin.

Herbst: "Und dann hat Tino Schwierzina diese Verfassung im Amtsblatt veröffentlicht. Und damit waren wir Land, gegen alle Rechtssysteme, gegen alle ideologischen Vorbehalte. Ich finde es also toll, dass es gelungen ist, dass wir eben in Berlin nicht einen Anschluss gemacht haben, sondern eine Vereinigung. Mit den gleichen Voraussetzungen, die wir uns selber geschaffen haben. Und dass wir uns die ganze Zeit nicht haben beirren lassen, diesen Weg weiterzugehen."

Da ist sie wieder, die Augenhöhe. Die Volkspolizisten haben sie vermisst, die Ostberliner Stadtverordneten eingefordert. Gemeinsam und im Eiltempo ging es voran – nie wieder so schnell wie im Jahr 1990. Da wurde die Mauer abgerissen, die Ost-West-Straßenverbindungen wieder hergestellt, Lücken bei U- und S-Bahn geschlossen. Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen, sagt Walter Momper rückblickend.

Momper: "Die Bahnlinien, die Eisenbahnlinien, gutes Beispiel, da wurde doch keine mit einem Planfeststellungsverfahren gemacht. Später dann ist das durch einen Teil der Bundesgesetzgebung auch so gemacht worden, dass Alttrassen unverändert als plangenehmigt galten bei der Bahn. Die haben uns auch gefragt: Wie habt ihr das gemacht. Wir haben gesagt: Da lag vorher ein Gleis, das gilt immer noch, das hat ja keiner aufgehoben."

Herbst: "Ich glaube, dass heute auch manches schneller gehen würde. Wir haben damals ziemlichen Mut bewiesen, bestimmte Sachen zu machen, die sich heute mancher nicht traut, weil dann in der Zeitung dieses oder jenes steht oder in einer Bürgerversammlung eben mal alle dagegen sind. Aber Politik heißt eben auch, sich durchzusetzen und die Dinge zu vertreten, die man für richtig hält. Das ist so. Und wir haben das damals entschieden gemacht."

Knut Herbst zog sich später aus der Politik zurück, arbeitet heute als Unternehmensberater. In diesem Jahr hat er allerdings in seine Erinnerungsschatulle gegriffen und sich einen Anstecker ans Revers des dunklen Jacketts geheftet.

Herbst: "Das ist ein Sticker der Initiative Hauptstadt Berlin, die habe ich 1990 gegründet, weil Bundesregierung und Parlament nach Berlin sollten."

Der Einigungsvertrag hatte Berlin zwar zur Hauptstadt erklärt, doch das sagte noch nichts über den Sitz von Bundestag und Bundesregierung aus. Diese Entscheidung fiel ein Jahr später – am 20.Juni 1991.

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