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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 28.03.2014

25 Jahre MauerfallAufgespalten

Auf der Suche nach der gesamtdeutschen Identität

Von Susanne Schädlich

Ostberliner Grenzsoldaten sehen am 11. November 1989 dabei zu, wie Demonstranten einen Teil der Berliner Mauer einreißen (AP Archiv)
Ost-Berliner Grenzsoldaten sehen am 11. November 1989 dabei zu, wie Demonstranten einen Teil der Berliner Mauer einreißen (AP Archiv)

Deutschsein - was wird damit heute verbunden? Wie sehr spielen Ost- und West-Identitäten noch eine Rolle? 25 Jahre nach dem Mauerfall spürt die Schriftstellerin Susanne Schädlich diesen Fragen nach.

Deutschland. Bei dem Wort werde ich sofort unsicher, misstrauisch. Weil es besetzt ist. Historisch, politisch, persönlich. Wir Deutsche tun uns schwer damit, tun uns sowieso schwer mit uns. Mein Verhältnis zu Deutschland als Heimat ist, gelinde gesagt, ambivalent. Heimat hat eine territoriale und eine gefühlsbezogene Dimension, ist Erlebnis- und Bezugsraum. Identitätsstiftend.

Das war einmal in der DDR. Familie, Freunde. Vertrautheit, Geborgenheit. Dann nicht mehr, als wir 1977 ausgebürgert wurden. Verwandte, Freunde, Vertrautheit, hinter der Mauer. Hinausgeworfen aus dem Leben in ein anderes. Ein Glück im Nachhinein.

Aber die Familie ging doch in die Bundesrepublik, von Deutschland nach Deutschland, höre ich die Einwände. Trotzdem, wir fühlten uns fremd, oder gerade deshalb. Es existierte ein anderer Code. Den wir mühsam uns aneignen mussten. Es war eine einseitige Anstrengung der Integration und Assimilation.

Heimatlos im eigenen Land

Integration und Assimilation – diese Wörter für Ostdeutsche, die nach Westdeutschland kamen? Sicher doch. Wir waren Menschen mit Migrationshintergrund. Emigranten. Heimatlos heimatliche. Von Karl Valentin stammt der Satz: Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.

In den USA, in die ich 1987 ging, war die Fremde mir keine Fremde mehr. Hier waren fast alle fremd, wobei jeder seine kulturellen Eigenschaften pflegte, pflegen durfte, konnte.

1999 kehrte ich in ein vereinigtes, wenn auch nicht geeintes Deutschland zurück. Als Beobachtende mehr denn als Verwachsene. Erste Station: München. Heimatliche Gefühle kamen nicht auf. Vielleicht lag das an dem Zettel im Briefkasten. Ich solle verschwinden und meinen ausländischen Bastard mitnehmen. Der ausländische Bastard war mein erster Sohn, er war zweieinhalb Jahre alt. Ich ging nach Berlin. Berlin. Mauerlos, Gott sei Dank. Aber irgendwie auch koordinatenlos. Kein Ost, kein West mehr. Dachte ich. Doch das stimmte nicht. Bis heute stimmt das nicht.

Ich sehe und höre die Unterschiede. Höre und sehe genau hin. Mich interessiert naturgemäß am brennendsten, wie es um die deutsch-deutsche Seele bestellt ist.

Zustand der deutsch-deutschen Seele

Was sehe und höre ich:  40 Jahre der Teilung sind nach knapp 25 Jahren Vereinigung nicht verschwunden. Für viele ist die deutsche Geschichte seit '45 im Wesentlichen die Geschichte der Bundesrepublik und von beinahe sieben Jahrzehnten Demokratie. Für viele andere ist die deutsche Geschichte ab '45 die von 40 Jahren SED-Diktatur und der Zeit danach.

Ich frage mich also im Hinblick auf den Bezugsraum, der identitätsstiftend sein soll, gibt es eine gesamtdeutsche oder noch immer eine ost- und westdeutsche Identität? Wird die Zeit der gemeinsamen Erfahrungen als solche wahrgenommen und die erst 25 Jahre alte neue Bundesrepublik als ein gemeinsames Zuhause?

Ich höre einen Freund, der sagt, siehst du, es ist schwierig für uns Ehemalige. Wenn wir nach '89 in der Bundesrepublik aus uns etwas gemacht haben, beruflich etwas darstellen, sind wir Wendehälse. Wenn wir darüber reden, dass uns auch etwas verloren gegangen ist, sind wir die ewig Gestrigen. Und wenn er genauer darüber nachdenke, so sagt er, sei es ihm, als kämen die Ostler in diesem Land gar nicht vor.

Solche Sätze stimmen im 25. Jahr des Zusammenbruchs der DDR und im 24. Jahr der deutschen Wiedervereinigung zumindest nachdenklich.

Susanne Schädlich, Schriftstellerin, geboren 1965 in Jena. Verließ zusammen mit ihren Eltern, dem Schriftsteller Hans Joachim Schädlich und der Lektorin Krista Maria Schädlich, und ihrer Schwester Anna 1977 die DDR. 1987 ging sie in die USA, wo sie mit literarischen Übersetzungen begann. Ab 1993 arbeitete sie u.a. am Max Kade Institute in Los Angeles. 1996 erhielt sie ein Stipendium der University of Southern California und schloss 1999 das Studium der Neueren Deutschen Philologie ab. Danach kehrte sie nach Berlin zurück, wo sie mit ihren beiden Söhnen lebt.

2007 veröffentlichte Schädlich ihren ersten Roman "Nirgendwoher, irgendwohin" (Plöttner Verlag), es folgen weitere Veröffentlichungen: "Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich" (Droemer), "Westwärts, so weit es nur geht. Eine Landsuche" (Droemer). Zuletzt gab sie gemeinsam mit ihrer Schwester Anna Schädlich die Anthologie "Ein Spaziergang war es nicht, Kindheiten zwischen Ost und West" (Heyne) heraus.

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