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Lesart / Archiv | Beitrag vom 06.12.2014

200 Jahre Wiener KongressLasterhafte Nebenschauplätze und zerstörte Klischees

Zwei Bücher über "1815" von Adam Zamoyski und Thierry Lentz

Von Günter Müchler

Der Wiener Kongress vom 18. September 1814 bis 9. Juni 1815 unter Vorsitz von Klemens Wenzel Fürst von Metternich (picture alliance / dpa / Votava)
Der Wiener Kongress vom 18. September 1814 bis 9. Juni 1815 unter Vorsitz von Klemens Wenzel Fürst von Metternich (picture alliance / dpa / Votava)

Der Londoner Historiker Adam Zamoyski behandelt ausführlich die Vorgeschichte des Wiener Kongresses und entlockt den Quellen interessante Details. Kaiserreich-Experte Thierry Lentz lobt den Kongress für seine friedenssichernden Maßnahmen.

Jubiläumsjahre erfüllen in der Geschichtsschreibung einen nützlichen Zweck. Sie animieren zur Überprüfung von Standpunkten. Der Wiener Kongress verdient eine solche Überprüfung. Mit ihm beschäftigen sich, 200 Jahre post festum, zwei renommierte Autoren.

Thierry Lentz, gebürtiger Lothringer, ist Direktor der Fondation Napoléon und eine Kapazität auf dem Feld des ersten französischen Kaiserreichs. Adam Zamoyski, der in London lebende Historiker mit polnischen Wurzeln, hatte zuletzt eine Geschichte des Russlandfeldzugs von 1812 vorgelegt, die zu Recht hoch gelobt wurde. Sie ist inzwischen in acht Sprachen übersetzt.

Lesart-Cover: Adam Zamoyski "1815 - Napoleons Sturz und der Wiener Kongress" (C.H. Beck )Adam Zamoyski "1815 - Napoleons Sturz und der Wiener Kongress" (C.H. Beck )Zamoyski knüpft zeitlich an seinen 1812-Bestseller an. Knapp die Hälfte des 600 Seiten umfassenden Buches behandelt den Sturz Napoleons, also die Vorgeschichte des Kongresses von Wien. Aufs Neue beeindruckt Zamoyski durch seine Fähigkeit, den Quellen auch das scheinbar Nebensächliche abzulauschen. Er gewinnt dadurch den Stoff, der Zwischenräume füllt, Handlungen erklärt und die Handelnden zu Menschen aus Fleisch und Blut werden lässt.

Zamoyski ist ein begnadeter Erzähler. Seine Gabe findet in dem bewegten Kongressalltag mit seinem Glanz, seinen neurotischen Erscheinungen und seinen lasterhaften Nebenschauplätzen einen dankbaren Stoff. Man liest das Buch mit Hochgenuss und fühlt sich zugleich bereichert.

Unerhörtes Arbeitspensum für Diplomaten

Bloß wenn Zamoyski thesenhaft zuspitzt, ärgert man sich.

"Zu den Folgen des Kongresse gehört (damit) alles, was seit seinem Ende in Europa geschehen ist, auch der aggressive Nationalismus, der Bolschewismus, der Faschismus, die beiden Weltkriege und letztlich die Europäische Union“.

Der Kongress als Kochtopf, in dem die ganze Moderne zubereitet wird: Glücklicherweise finden sich solche Verstiegenheiten selten.

Lesart-Cover: Thierry Lentz "1815 - Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas" (Siedler-Verlag )Thierry Lentz "1815 - Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas" (Siedler-Verlag )Das Lentz-Buch nutzt die Chance, Klischees zu zerstören, besser. Zunächst räumt es mit dem tausendfach nachgebeteten Bonmot des Fürsten von Ligne auf: "Der Kongress arbeitet nicht, er tanzt". Natürlich wurde in Wien auch getanzt, und Lentz‘ Schilderung ist hier durchaus süffisant. Die Diplomaten erledigten aber auch ein unerhörtes Arbeitspensum.

Es musste ja die territoriale Zugehörigkeit von nicht weniger als 30 Millionen Menschen neu festgelegt werden. Daneben beschäftigte sich der Kongress mit weiteren anspruchsvollen Themen wie der Abschaffung des Sklavenhandels, der Freiheit des Flussverkehrs und des Urheberrechts.

Auch einem anderen Klischee rückt Lentz auf den Pelz. Gerade in Deutschland war und ist es üblich, den Kongress auf eine Veranstaltung mit dem Ziel zu verkürzen, den politischen Rückschritt zu organisieren.

Die Nicht-Erfüllung des Verfassungsversprechens in Preußen, die Aufrichtung eines Polizeiwesens, das die Entwicklung der bürgerlichen Freiheit unterband und den Wunsch nach Nation-Werdung gerade der Deutschen knebelte: All das wurde und wird den Akteuren von 1815 angelastet. Nun hatte die bleierne Zeit des Systems Metternich – in all ihrer Zwiespältigkeit – durchaus etwas zu tun mit dem Kongress. Seine Bedeutung ging jedoch weit darüber hinaus.

Veränderte Grundlagen für die Beziehung der Staaten

Lentz geht mit seiner "europäischen" Geschichte des Wiener Kongresses von der Engführung auf die Revolutionsangst, die Metternich und die meisten seiner Kollegen leitete, weg. Bei ihm steht im Vordergrund das vom Kongress installierte Konferenzsystem, das die Beziehung der Staaten zueinander auf eine veränderte Grundlage stellte.

Henry Kissinger hatte vor mehr als 50 Jahren in seiner Dissertation diese notwendige Erweiterung der Perspektive eingeleitet. Lentz wandelt auf seinen Pfaden. Er lobt den Kongress dafür, dass er mit einem "Sicherheitsrat avant la lettre" ein Instrument der Friedenssicherung schuf.

Für die europäische und internationale Politik bedeutete das in der Tat einen Qualitätssprung, und zwar nicht bloß in der Theorie. Nach der Beendigung der Revolutionskriege dauerte es immerhin 100 Jahre bis zum nächsten ganz großen Krieg. So gesehen brachte der Kongress doch deutlich mehr zustande als ein "Trugbild der Stabilität", wie Zamoyski schreibt.

Übrigens brachte er auch einen guten Frieden zustande. Frankreich wurde nicht isoliert, es durfte Großmacht bleiben. Die Akteure von Wien waren tausendmal klüger als die, die hundert Jahre später in Versailles am Werk waren. 

Adam Zamoyski: 1815 - Napoleons Sturz und der Wiener Kongress
Aus dem Englischen von Ruth Keen und Erhard Stölting
C.H. Beck Verlag, München 2014
704 Seiten, 29,95 Euro

Thierry Lentz: 1815 - Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas
Aus dem Französischen von Frank Sievers
Siedler-Verlag, München 2014
432 Seiten, 24,99 Euro, auch als ebook

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandfunk, Interview, 26.09.2014)

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