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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 04.03.2015

15 Jahre und eine Revolution späterWiedersehen mit tunesischen Feministinnen

Von Anne Françoise Weber

In Tunis demonstrieren Frauen gegen die Regierung des Landes. (afp / Fethi Belaid )
Im August 2013 demonstrieren Frauen in Tunis gegen die Regierung. (afp / Fethi Belaid )

Vor 15 Jahren interviewte Anne Françoise Weber Feministinnen in Tunesien. Nun hat sie wieder mit ihnen gesprochen. Was hat sich getan? Wenig. Heute ist die Rolle der Frau unter dem Einfluss der Islamisten erst recht ein hoch emotionales Thema im Land.

Tunis, Avenue Habib Bourguiba. Die Straßencafés sind gut besucht, Einheimische und Touristen schlendern auf den breiten Gehwegen. Nur das westliche Ende der Prachtstraße ist von Stacheldraht umzäunt, denn dort ist die französische Botschaft um ihren Schutz besorgt. Ansonsten scheint sich wenig verändert zu haben seit meinem letzten Besuch vor 15 Jahren. Doch, der Name des Platzes am östlichen Ende der Avenue: früher Platz des 7. November, in Erinnerung an den Putsch, mit dem Zine El Abidine Ben Ali 1987 die Macht ergriff. Heute heißt er Platz des 14. Januar. Es ist der Tag, an dem Ben Ali 2011 das Land verließ, verjagt von der Wut seiner Landsleute. Zu Tausenden hatten sie auf der Avenue Bourguiba und anderswo demonstriert – Männer wie Frauen.

Alle reden von der tunesischen Frau. Aber wenn Du genau hinhörst, redet keiner von ihr.

Diesen Satz hatte mir bei meinem ersten Besuch eine tunesische Feministin gesagt. Im Oktober 1999 kam ich erneut nach Tunis, um Zeitschriften zu durchforsten und Feministinnen zu interviewen: Ich hatte mich entschlossen, meine Diplomarbeit in Sozialwissenschaften über "Staatsfeminismus und autonome Frauenbewegung in Tunesien" zu schreiben. Das kleine nordafrikanische Land zwischen Algerien und Libyen rühmte sich seiner staatlichen Frauenförderung, aber die Wirklichkeit schien viel weniger rosig zu sein, wie ich von feministisch engagierten Frauen hörte. Dieser Widerspruch interessierte mich.

Von meinen Interviews hatte ich sechs in meiner Diplomarbeit verwendet. Nach 15 Jahren bin ich nach Tunis zurückgekehrt und habe versucht, diese Frauen wieder zu finden. Im Herbst 2014, fast vier Jahre, nachdem Tunesien zum Ausgangspunkt der arabischen Revolutionen geworden war.
Ganz einfach war das Aufspüren nicht, denn zum Schutz meiner Gesprächspartnerinnen hatte ich mir damals ihre Namen nicht notiert und in meiner Arbeit durchgängig Pseudonyme verwendet. Doch eine Anlaufstelle war klar: die tunesische Vereinigung demokratischer Frauen, ATFD, eine der ganz wenigen feministisch-oppositionellen Organisationen unter Ben Ali. Die meisten meiner Interview-Partnerinnen waren irgendwie mit ihr verbunden. 1999 hatte ich die Verwaltungsleiterin der ATFD interviewt und in meiner Diplomarbeit dies über sie geschrieben:

Olfa gehört zu den ersten Aktivistinnen der feministischen Bewegung, der sie sich zunächst in Paris in einem Kollektiv tunesischer Frauen näherte, bevor sie in Tunis zum Club d'Etude stieß, einer 1978 in Tunis gegründeten feministischen Studiengruppe. Bis heute ist sie in der ATFD aktiv, deren Forderung nach der völligen Trennung von Staat und Religion sie besonders herausstellt.

Die tunesische Vereinigung demokratischer Frauen - es gibt sie noch

Die ATFD gibt es noch, so viel lässt sich im Internet feststellen, auch wenn die Webseite nicht funktioniert und die Facebook-Seite ziemlich chaotisch ist. Auf eine E-Mail antwortet mir die Präsidentin persönlich und schickt mir die Telefonnummern von drei Aktivistinnen – eine davon Nadia Hakimi, Geschäftsführerin. Das könnte die Frau mit dem Pseudonym Olfa sein.

Das Vereinslokal der ATFD, der Vereinigung demokratischer Frauen, habe ich als kleine dunkle Wohnung in der Stadtmitte in Erinnerung. Jetzt sind die Büros in einer Villa in einem reicheren Viertel untergebracht, im oberen Stockwerk befindet sich die Feministische Universität Ilhelm Marzouki. Sie war eine der Feministinnen, die ich vor 15 Jahren interviewt hatte, kritisch und klar – vor sieben Jahren ist sie verstorben.

Im Untergeschoss liegt das Büro der ATFD: mehrere Räume, viele Plakate und Fotos an den Wänden, ein großer Konferenztisch; Mitarbeiterinnen gehen ein und aus. Und da steht Nadia Hakimi – wir erkennen uns gleich. Sorgsam geschminkte dunkle Augen, das Rot des Lippenstifts auf die Farbe des Pullovers abgestimmt, halblange Haare, ein leicht spöttisches Lächeln – ganz ähnlich habe ich sie in Erinnerung.

Interviewauszug: "Der Kampf ist hart und deswegen gehen nicht wenige Frauen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie verlassen das Feld, weil es sehr, sehr hart ist. Es liegt nicht daran, dass sie nicht mehr daran glauben, sondern weil sie wissen, dass der Kampf nicht von vornherein entschieden ist. Dann kommen andere, die den Platz einnehmen, so gibt es regelmäßig Ablösung."

Das hatte mir Nadia Hakimi vor 15 Jahren gesagt. Sie selbst hat sich nicht ablösen lassen, ist immer noch hauptamtlich bei der ATFD, mittlerweile eine von 19 Angestellten. Die Organisation hat Ableger in der Provinz gegründet und betreibt weiterhin ein Beratungszentrum für Gewaltopfer, organisiert Kampagnen und Konferenzen, gibt Studien in Auftrag. An Nachwuchs fehlt es anscheinend nicht, Jüngere wie Ältere stoßen dazu.

Nadia Hakimi: "Das ist jetzt ein melting pot, denn wir kommen aus verschiedenen Richtungen. Die Frauen kommen von überall, sie haben nicht den Hintergrund der Gründeraktivistinnen. Wir versuchen, wenigstens ein bisschen weiterzugeben von unserem Ansatz, unserer Sichtweise. Ich hoffe, dass wird eine neue Dynamik schaffen."

Zwischenbilanz zur Lage der Frauen - nach der Revolution

Ich frage sie, ob denn heute die Diskussion um Frauenrechte wirklich geführt wird oder ob es sich weiterhin nur um eine hübsche Fassade handelt. Denn unter dem Diktator Ben Ali stand immer die fortschrittliche Gesetzgebung im Vordergrund – so erhielten die Tunesierinnen schon 1956 das Recht, sich scheiden zu lassen. Andere Punkte, wie das weiterhin ungleiche Erbrecht, wurden dagegen nicht angegangen, Probleme wie häusliche Gewalt totgeschwiegen. Erfolgsstorys von Politikerinnen und Managerinnen in den gleichgeschalteten Medien verdeckten, wie stark viele Tunesierinnen in Familie und Arbeitswelt benachteiligt waren. Man erwartete im damaligen Tunesien Dankbarkeit von den Frauen, bloß kein Aufbegehren für mehr Gleichberechtigung. Und heute, vier Jahre nach dem politischen Umsturz? Nadias Zwischenbilanz der revolutionären Entwicklung in ihrem Land sieht so aus.

Nadia Hakimi: "Ich persönlich erlebe die Dinge fast gleich. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Frauenrechte in der Gesellschaft tief verankert sind. Wir haben drei Jahre lang wie wahnsinnig gekämpft, um die Errungenschaften zu verteidigen und weiterzuentwickeln. Ich glaube, wir haben einen Teil der Schlacht gewonnen, aber nicht die ganze Schlacht. Es bleiben die Mentalitäten, die sind schrecklich. Die Revolution hat uns mit unserer eigenen, tiefen Realität konfrontiert."

Und diese Realität sei die des ländlichen Tunesiens, in der die Moderne noch nicht verankert sei. Mir fällt auf, dass Nadia beim Sprechen immer wieder Islamisten gegen Demokraten stellt. Ist es für sie ausgeschlossen, dass Islamisten, Anhänger der Ennahda-Partei von Rachid Ghannouchi zum Beispiel, auch demokratisch gesinnt sind? Sie fällt mir ins Wort.

Nadia Hakimi: "Demokratie ist ein Konzept, nicht ein Wort, wie Ben Ali meinte. Wir haben uns lange damit beschäftigt, schon in der Diktatur. Wir wissen, was es heißt. Und wir wissen sehr genau, dass das bei den Islamisten heute Gerede ist. Ghannouchi kann sagen, was er will, wir kennen seine Herkunft, sein Denken. Wir ringen hier um Gesellschaftsentwürfe. Und es gibt nicht nur seine Partei Ennahda, es gibt noch all diese Salafisten, diese islamistischen Parteien, all diese jungen Leute, die in den Jihad ziehen ..."

Asma ist Rechtsanwältin und hat eine hohe Funktion innerhalb der ATFD inne. Im Gespräch mit ihr lag ein starker Akzent auf den juristischen Details, die sie nicht nur durch ihre berufliche Spezialisierung auf Familienrecht, sondern auch als Mitarbeiterin des Beratungszentrums für Gewaltopfer der ATFD sehr genau kennt.

Asma: Diese Frau wiederzufinden war am einfachsten. Dunkel erinnerte ich mich, dass sie damals die Präsidentin der Frauenvereinigung ATFD gewesen war. Bei Recherchen stoße ich auf den Namen Bochra Bel Haj Hamida. Ich lese, dass sie bei den Parlamentswahlen im Oktober 2014 zur Abgeordneten der stärksten Partei Nidaa Tounes gewählt wurde. Ein Anruf, eine Verabredung in der Parteizentrale.

Als ich dort ankomme, sitzen gerade zwei elegant gekleidete Frauen im kleinen Büro von Bochra Bel Haj Hamida und beglückwünschen sie fröhlich zu ihrer Wahl. Ihr ansteckendes Lachen, die funkelnden Augen, die feste Stimme - ich erkenne sie gleich wieder: meine Gesprächspartnerin Asma von 1999. Als ich ihr von unserer letzten Begegnung vor 15 Jahre erzähle, lacht sie auf und streckt mir ihre Hand zum Einschlagen hin.

Interviewauszug: "Das grundlegende Problem ist in diesem Land für mich, wie wir wieder lernen können, frei zu reden. Selbst wir, so genannte Demokratie-Aktivistinnen, haben das wohl verloren. Wir haben es verlernt zu reden und einander zuzuhören, weil wir nicht mehr die Möglichkeit haben zu reden."

Über Sexualität zu sprechen, ist noch schwieriger als früher

So selbstkritisch war Bochra 1999. Die Zeiten dieser politischen Repression sind vorbei. Tabus gibt es aber immer noch, erklärt mir Bochra heute. Über Sexualität zu sprechen sei heute aufgrund des erstarkten Islamismus sogar schwieriger als früher. Rechtlich habe sich in den letzten 15 Jahren dagegen einiges verbessert für die Frauen.

"Haben wir deswegen jetzt wirkliche Gleichberechtigung erreicht? Weit entfernt. Ein Beweis: Nur 26 Prozent der Frauen sind berufstätig. Und ich möchte gar nicht wissen, wie verfassungsgebende Versammlung und Parlament aussähen, wenn es das Gleichstellungsgesetz nicht gegeben hätte."

Bochra Bel Haj Hamida weiß, wovon sie spricht: Sie ist überzeugt, dass sie nicht nur die Nummer 2 auf ihrer Wahlliste gewesen wäre, wenn sie ein Mann wäre. Und doch stößt sie mit ihrem Kampf für mehr Gleichberechtigung oft auf Unverständnis.

"Mir begegnen heute junge Leute, die nicht verstehen, was Frauenrechte bedeuten. Sie verstehen nicht, dass es eine Diskriminierung gibt. Sie sagen mir oft: Aber ihr habt doch alles bekommen. Die Wirkung der Instrumentalisierung von Frauenrechten unter Ben Ali hält also bis heute an."

Vor 15 Jahren hat sich Bochra als Rechtsanwältin dafür eingesetzt, dass schlagende Ehemänner verurteilt werden. Was hat sich beim Thema Gewalt gegen Frauen durch den politischen Umsturz verändert?

"Viel wurde nicht unternommen. Vor allem unter der Troika-Regierung war es katastrophal, da wurde die Gewalt nicht angegangen. Wir haben das Aufkommen bisher unbekannter Polizeigewalt erlebt. Das hat im schlimmsten Fall zu der Vergewaltigung einer Frau geführt, aber auch davor und danach gab es sehr viele Fälle von sexuellen Übergriffen. Leider waren Regierung und Verantwortliche unfähig, sich deutlich gegen Gewalt auszusprechen."

Die Troika-Regierung, eine Drei-Parteien-Koalition, formierte sich nach den ersten freien Wahlen im Oktober 2011. Ihre Regierungszeit schildern mir meine tunesischen Gesprächspartnerinnen in düstersten Farben. Die islamistische Partei Ennahda, endlich an die Macht gelangt, versuchte mit Zustimmung ihrer beiden Juniorpartner nach Jahren der Unterdrückung ihre Positionen durchzusetzen. So sollte in der neuen Verfassung statt Gleichberechtigung nur die „Komplementarität" von Männern und Frauen verankert werden. Sogar die Wiedereinführung der Polygamie forderten manche, wenn sich auch die Parteiführung offiziell dagegen stellte. Und Ennahda begann, mit alten Feinden abzurechnen. Auch mit der demokratischen Frauenvereinigung ATFD.

"Ennahda hat eine Schmierenkampagne geführt und die ATFD als Verein Ben Alis dargestellt. Wenn Sie jetzt Demokratische Frauen sagen, sagen die Leute: Ach, die Frauen von Ben Ali. Sie haben sogar Videos gefälscht, um zu zeigen, dass wir im Palast waren und immer nur Ben Ali, Ben Ali gesagt haben. Wenn ich keinen Respekt mehr für diese Leute habe, dann liegt das unter anderem daran. Wie können sie die Geschichte Tunesiens fälschen? Wie können sie solchen Hass auf eine Vereinigung haben, die Widerstand geleistet hat, als die meisten von ihnen gar nicht da waren?"

Je länger ich mich in Tunis aufhalte, desto klarer wird mir, dass ich 2014 nicht nur die Frauen treffen kann, die mir vor 15 Jahren repräsentativ für die – schon damals marginale – autonome Frauenbewegung erschienen. Zu viel hat sich seither verändert, zu einflussreich sind mittlerweile die islamistischen Stimmen geworden.

Meine Versuche, weibliche Abgeordnete der Ennahda-Partei zu treffen, schlagen fehl. Aber ich kann Ibtihal Abdellatif interviewen. Sie ist Mitgründerin des Vereins Nisa Tunisiyet – übersetzt: "tunesische Frauen" – und außerdem Mitglied der Kommission "Wahrheit und Würde", die die Diktaturvergangenheit aufarbeiten soll.

Als ich in die fast leeren Räume der Kommission komme, weiß Ibtihal nicht, wohin sie sich mit mir zurückziehen soll – ein eigenes Büro hat sie noch nicht. Also schlägt sie vor, in ein Straßencafé zu gehen. Dort erzählt sie von den Anfängen ihrer Frauenorganisation im Frühjahr 2011.

"Wir haben einen Aufruf in Hörfunk und Presse gestartet, dass sich alle Frauen melden sollen, die Unterdrückung, Übergriffe, Haft oder Diskriminierung erlebt hatten. Weil sie sich in Politik oder Zivilgesellschaft engagiert hatten oder auch nur wegen des Dekrets, das das Tragen des Kopftuchs in der Öffentlichkeit verbot. Wir waren erstaunt, wie viele ehemalige Gefangene sich meldeten. Sie wollten einfach, dass wir ihnen zuhören und das weitergeben. Viele hatten bei der Freilassung unterschreiben müssen, dass sie nie über ihre Erlebnisse sprechen würden. Wir haben rund 500 Akten von weiblichen politischen Gefangenen gesammelt, die nach der Revolution amnestiert wurden. Und es gab tausende Frauen, die festgenommen wurden, sei es nur für eine Stunde, die von Arbeit und Ausbildung abgehalten wurden, die haben dafür nicht einmal Beweise, nur die Aussagen ihres Umfelds."

Rachid Ghannouchi, Führer der Islamistenpartei Ennahda bei einer Wahlkampfveranstaltung in Tunis (24.10.2014). (picture alliance / dpa - Mohamed Messara)Rachid Ghannouchi, Führer der Islamistenpartei Ennahda bei einer Wahlkampfveranstaltung in Tunis, Oktober 2014 (picture alliance / dpa - Mohamed Messara)

Eine besondere Nähe zur islamistischen Ennahda streitet Ibtihal ab – aber nicht nur ihr Kopftuch, sondern vor allem ihre politischen Einstellungen zeigen, dass sie so weit nicht von deren Positionen entfernt sein kann. In der Wahrheitskommission will sie besonderes Augenmerk auf das Schicksal von Frauen legen.

"Ich als Frau und Mitglied der Kommission werde darauf achten, dass die Frau in der Geschichte präsent bleibt, dass ihre wahre Rolle aufgeschrieben wird. Denn leider wird die Frau oft verdeckt. Niemand hat geschrieben, dass im Kampf gegen die französische Kolonialherrschaft Frauen ins Gefängnis gekommen sind, Schlimmes erlebt haben, Widerstand geleistet haben."

Ibtihal wäre wahrscheinlich begeistert, wenn sie in die Räume der ATFD käme – dort hängen an den Wänden viele alte Fotos von den Gründerinnen der Frauenbewegung, von Widerstandskämpferinnen und Vorreiterinnen. Ob sie dort aber je einen Fuß hinsetzen wird? Begegnet ist sie Frauen von der ATFD schon; gemeinsam mit Bochra hat sie an einem Dialogseminar für tunesische Frauengruppen teilgenommen. Organisiert hatte es die internationale Organisation Search for Common Ground:

"Unsere Überzeugung war, dass wir vielleicht bei zehn Prozent unterschiedliche Ansichten haben – jede Organisation hat einen eigenen ideologischen Hintergrund. Aber wir werden uns sicherlich über 90 Prozent einig sein, im Interesse der tunesischen Frau. Wir müssen die Bedürfnisse der tunesischen Frau artikulieren und von Forderungen wegkommen, die vielleicht Forderungen in anderen Gesellschaften sind, aber nicht der Tunesierin. Und ich wünsche mir, dass die Frauenorganisationen alle Konflikte und Vorurteile überwinden, etwa: Die da ist rückständig oder altmodisch, bloß weil sie ein Kopftuch trägt."

Dorra ist Lehrerin und gehört zu den früheren Aktivistinnen der Frauenbewegung. Sie war Mitglied des Club d'Etude im Kulturzentrum „Tahar Haddad" und berichtet Positives wie Negatives aus dieser Zeit. Heute blickt sie mit großer Distanz und Enttäuschung auf die übriggebliebenen Vereinigungen wie die ATFD. Im Gespräch war häufig auch ihre Lebenssituation als alleinstehende Frau Thema.

Dorra, die in Wirklichkeit Fatma heißt, habe ich durch einen gemeinsamen Freund kennengelernt. Ich war häufig bei ihrer Großfamilie zu Gast und kenne sie privat.

Herzlich wie immer empfängt mich die kleine, energiegeladene Frau im Haus ihrer Mutter in einem ruhigen Vorort von Tunis.

Über Fatma hatte ich vor 15 Jahren Kontakt zu zwei anderen Frauen bekommen. Mit einer von beiden ist sie immer noch befreundet und hat sie gleich zu unserem Treffen eingeladen – Hayat heißt sie in Wirklichkeit, Ikram hieß sie in meiner Diplomarbeit:

Dorras Freundin Ikram, Verwaltungsangestellte in einem Krankenhaus, ist ebenfalls ein früheres Mitglied der Frauenbewegung, war Mitarbeiterin der Zeitschrift Nissa und beschreibt diese Zeit, in der sie zudem gerade Witwe geworden war, als sehr wichtig für ihre Selbstfindung. Heute ist sie ebenso desillusioniert wie Dorra.

Interviewauszug: "Man akzeptiert, dass die Frau arbeitet, ja, das bringt doppeltes Einkommen. Aber nicht in jedem Beruf, das wäre nicht normal. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Ich denke, bis die Frau wirklich ihren Platz findet, wird es noch ein halbes Jahrhundert dauern, mindestens."

Mit Spaghettiträgern auf der Straße fühlt sie sich nicht mehr wohl

Das sagte mir Fatma 1999. Sind es jetzt also nur noch 35 Jahre?

Fatma: "Nein, immer noch ein halbes Jahrhundert. (Lachen). Weil es drei Jahre Troika-Regierung gab. Wer nicht in Tunesien lebt, kann sich nicht vorstellen, wie viele kleine Rückschritte es im Alltag gab."

Hayat: "Ich kann zum Beispiel nicht mehr mit Spaghettiträgern auf die Straße gehen. Ich muss Ärmel tragen. Wenn ich ein paar Frauen mit Spaghettiträgern sehe, denke ich: Ach, wie schön. Aber ich kann das nicht mehr tragen, ich fühle mich damit nicht wohl auf der Straße."

Beide, Fatma und Hayat, haben ihre Anstellungen als Lehrerin beziehungsweise in der Krankenhausverwaltung inzwischen verlassen und gehen ihren künstlerischen Neigungen nach; sie malen, nähen, sticken, töpfern und verkaufen ihre Arbeiten. Fatma lebt nicht mehr allein wie bei unserem letzten Treffen vor 15 Jahren.

Fatma: "Ich habe ein ziemlich freies Leben gelebt, ich bin vor allem abends ausgegangen oder habe abends Leute eingeladen, denn tagsüber habe ich gearbeitet. Nach dem 14. Januar 2011 habe ich niemanden mehr getroffen. Ich konnte abends aus Sicherheitsgründen nicht mehr ausgehen, dann hätte ich woanders übernachten müssen. Das ging aber nicht, weil ich am nächsten Tag zur Arbeit musste. Ich habe Für und Wider abgewogen und mir gesagt: Gut, dann ziehe ich zu meiner Mutter, die in dieser Zeit gesundheitliche Probleme hatte. Das hat meine Entscheidung befördert, sonst hätte ich mein Single-Leben allein weiter geführt."

Vielleicht wäre Fatma also auch ohne die Revolution zu ihrer alternden Mutter gezogen – aber ein Einschnitt war der Umsturz schon. In der Zeit danach wollte ihr einmal auf der Straße eine kopftuchtragende jüngere Frau ein Taxi wegschnappen. Fatma beschwerte sich:

"Sie hat mir gesagt: 'Schau dich im Spiegel an' – ich lege gern roten Lippenstift auf – 'Mit so angemalten Lippen! In deinem Alter solltest du deinen Kopf bedecken.' Da hat sie mich beleidigt. Als sie mir das sagte, mitten auf der Straße, habe ich angefangen zu lachen, aber wie eine Frau mit schlechtem Lebenswandel. Das hat sie schockiert, dass ich nicht mit gesenktem Kopf abgezogen bin. Im Gegenteil, ich habe noch eins draufgesetzt. Es gibt Frauen, die wollen uns einschüchtern. Ich persönlich mache weiter. Wenn ich Lust habe, lege ich Lippenstift auf, halte mich gerade und zeige mich. Mir braucht niemand zu sagen, das sei nicht gut."

Interviewauszug: "Manchmal hätte ich gern einen Ehemann nur für zwei Stunden, während der Maler oder der Elektriker kommt. Wenn ich spazieren gehe, belästigen mich Typen. Dann denke ich: Wenn ich einen Mann hätte, der mit mir spazieren geht, würde mich keiner nerven. Ein Mann ist immer nützlich in unserer Gesellschaft." 

Hayat: "Ja, das stimmt. Ich lebe heute allein, nicht bei meinem Freund, jeder hat seine Wohnung und wir sehen uns, wenn wir Lust haben. Das ist besser so."

Es ist also heute möglich in Tunesien, eine Beziehung zu haben und nicht verheiratet zu sein?

Hayat: "Ja, man muss nur diskret sein. Man sollte es nicht von den Dächern rufen. Es ist heute gefährlicher als vor der Revolution. Als Ennahda an die Macht kam, hat sie zuallererst Leute vom Innenministerium in die Hotels geschickt, um zu schauen, wer da in den Zimmern ist."

Fatma: "Denn nicht verheiratete Paare haben sich im Hotel getroffen. Und die Hotels haben ein Auge zugedrückt. Die Polizisten haben das geschützt, mehr oder weniger."

Hayat: "Nein, man kann nicht sagen, dass sie es geschützt haben, aber Ben Ali wollte seine Ruhe. Macht, was ihr wollt, und lasst mich machen, was ich will."

Fatma: "Ja, und vor allem keine Ennahda."

Nicht nur Fatma kenne ich privat, sondern auch ihre Nichten. Vor 15 Jahren waren es scheue, magere Jugendliche, mit denen ich wenig zu tun hatte – jetzt sind es zwei selbstbewusste junge Frauen. Besonders Yamina ist politisch engagiert. Sie hat ein tunesisches Jugendparlament mitaufgebaut – und ist auch feministischen Anliegen gegenüber sehr offen. Als ich sie treffe, arbeitet sie gerade an der Vorbereitung eines großen Filmfestivals. Zeit für ein Interview hat sie in ihrer Mittagspause, wir treffen uns in einem kleinen Kulturzentrum.

Yamina erzählt mir, dass sie sich lange für die Arbeit der Frauenvereinigung ATFD interessiert hat und es auch heute noch tut. Sie ärgert sich aber über den Umgang mit jungen Frauen, die nur eine Art Lehrlingsstatus bekommen. Drei Jahre müssen sie im Jugendclub Mitglied sein, bevor sie – auf Empfehlung von langjährigen Aktivistinnen – Vereinsmitglieder werden können.

"Ich habe den Eindruck, es sind Leute, die immer noch eine Mentalität der 70er oder 80er Jahre haben. Und sie lehnen es ab, etwas anderes zu sehen oder sich weiterzuentwickeln. Denn sie bringen neue Stimmen zum Verstummen, die begeistert, aktiv, voller guter Ideen und Kreativität sind."

Ich sage Yamina, wie sehr mich die Frontstellung vieler Feministinnen, auch ihrer Tante Fatma, gegen die Ennahda-Partei erstaunt. So viel grundsätzliche Ablehnung, ja sogar Verteufelung habe ich gehört und frage mich, wie da überhaupt ein Zusammenleben möglich sein kann. Yamina sieht die Dinge anders.

"Ich bin überhaupt nicht bei dieser Hysterie gegen Partei X oder Y dabei. Solange wir Politik machen und man im Gegenlager mit politischen Instrumenten antwortet, ist das für mich ein gutes Zeichen für die Zukunft der Demokratie und für ihre richtige Ausführung, unabhängig von der Ausrichtung der betreffenden Partei."

Nicht nur unter den tunesischen Bedingungen eines neopatriarchalen und repressiven Staates bleiben Autonomie für Frauen sowie die Dekonstruktion von Frauen als nationalem Symbol erstrebenswert.

So klang damals das Fazit meiner soziologischen Diplomarbeit 1999. Und heute? Bin ich froh, dass diese Feministinnen immer noch dafür streiten, dass Frauen in Tunesien die gleichen Rechte und Freiheiten erhalten wie Männer. Auch wenn die Repression durch Ben Alis Regime beendet ist, wirkt ihr Kampf heute kaum einfacher als vor 15 Jahren. Denn der Einfluss der Islamisten ist jetzt viel stärker zu spüren. Die Rolle der Frau ist immer noch ein hoch emotionales Streitthema. Zwischen den Polen politischer Islam und westlicher Säkularismus scheint mir die tunesische Gesellschaft gespaltener als 1999, und ganz traue ich auch dem Frieden der neuen Regierungskoalition nicht.

Gut, dass es Frauen gibt wie Ibtihal, die sich für Opfer der Diktatur einsetzt, oder Yamina, die ein tunesisches Jugendparlament gegründet hat. Sie können dazu beitragen, dass Tunesierinnen und Tunesier ihr Land nach der Diktatur gemeinsam neu gestalten und demokratisieren - ohne bei den Frauenrechten zurückzuweichen.

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