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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.01.2016

11. Lübecker AutorentreffenZum ersten Mal ohne Günter Grass

Von Norbert Zeeb

Skulptur von Günter Grass und der Romanfigur Oskar Matzerath aus "Die Blechtrommel" in Danzig (picture alliance / dpa / Adam Warzawa)
Skulptur von Günter Grass in Danzig: Mit der Autorengruppe wollte er etwas schaffen, das über ihn hinaus Bestand haben würde (picture alliance / dpa / Adam Warzawa)

An diesem Wochenende findet das diesjährige Lübecker Autorentreffen statt, bei dem geladene Schriftsteller zusammenkommen, um hinter verschlossenen Türen über ihre aktuellen Arbeiten zu diskutieren. Günter Grass begründete die Treffen vor elf Jahren - und wünschte sich schon damals, dass es ohne ihn weitergeführt werden würde.

"Hier in der Diele werden die Besucher von Zitaten über Günter Grass empfangen, positiven wie negativen ..."

Im Günter-Grass-Haus steht Museumsleiter Jan Phillip Thomsa und drückt auf einen Knopf. Aus Lautsprechern an der Decke erklingt die Stimme des Schauspielers Mario Adorf, der nicht gerade zimperliche Zitate von Schriftstellern über ihren Kollegen Günter Grass vorträgt.

"Was ist eigentlich das aller Peinlichste an Günter Grass? Die polternde Selbstgewissheit." (Dirk von Petersdorf, Schriftsteller, 2001)

Thomsa: "Wir wollen Günter Grass nicht huldigen, sondern das Sperrige gleich zu Beginn auch einfangen."

Polternd? Sperrig? Die Schriftstellerin Eva Menasse kennt Grass auch ganz anders.

"Er hat sich zurück genommen, er hat sich oft erst sehr spät an der Diskussion über den gerade aktuellen Text beteiligt. Er hat es einfach verstanden, ich glaube, das war er auch im privaten Leben soweit ich weiß, er war einfach ein guter Gastgeber und dann auch mit diesem professionellen Aspekt war er der Beste, den man sich denken konnte, er hat sein Haus geöffnet für die jungen Autoren und die, die kamen, haben das zu schätzen gewusst."

Schon als Grass die Treffen begründete, wollte er, dass sie fortgeführt werden

Menasse ist auf dem Sprung zur ersten Zusammenkunft der Autoren in diesem Jahr – ohne Grass. Doch für den sei schon immer weniger wichtig gewesen, ob er nun die Treffen leiten, als vielmehr, dass die Gruppe lange bestehen könne.

"Günter Grass hat vom ersten Treffen an über die Zeit nach ihm gesprochen. Er hat das schon vor elf Jahren gegründet mit der dringenden Bitte es weiterzuführen. Und das hat er jedes Jahr gesagt, jedes Jahr, das hat er nie vergessen zu sagen, das ist der Auftrag. Und da wir das Glück hatten, es elf Jahre mit ihm machen zu können und es wirklich Routinen gibt, ist er jetzt nicht da, aber er ist trotzdem da. Das Ankommen jetzt hier in der Glockengießerstraße ist wie immer."

Aber traurig sei es natürlich schon, ergänzt Menasses Kollege Tilman Spengler, der jetzt die Moderation des Treffens übernommen und sich vorgenommen hat, die Zusammenkünfte so weiterzuführen, wie Günter Grass sie konzipierte.

"Er hat es sich in den Kopf gesetzt, glücklicherweise, ein paar kongeniale Autorinnen und Autoren zu finden, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt regelmäßig treffen und dort über Literatur reden, und zwar unter Kolleginnen und Kollegen, das heißt unter Ausschluss einer publizistischen Öffentlichkeit, damit der Fehler der Gruppe 47 nicht wieder wiederholt würde, dass die Eitelkeit von Literaturredakteuren über den Einsatz der Literatur obsiegte."

Denn irgendwann seien die ersten Reihen bei den Treffen der Gruppe 47 nur noch mit Kritikern besetzt gewesen. Es geht also um den geschützten Austausch von Schriftstellern, vor allem über unveröffentlichte Texte, an denen sie gerade arbeiten. Und besonders Grass war daran interessiert, dass die Altersmischung stimmt.

Heute gibt es viel Debattenstoff für die Schriftsteller

Spengler: "Sein persönliches Anliegen lag einmal sicherlich darin, sich mit Leuten einer anderen Generation zu umgeben, seine eigenen Gedanken sozusagen in einer Art Meister - nicht Meister-Schüler-irgendwas, sondern in einer Art fröhlichen, kollegialen Runde weiterzugeben und über handwerkliches zu plaudern mit anderen Leuten, die handwerkliches auch beschäftigt, die aber die meiste Zeit eigentlich zu einsam an ihrem Schreibtisch sitzen, um das zu bewältigen."

Aber natürlich sah Grass das Treffen auch als Forum für politische Initiativen und Diskussionen. Besonders jetzt hätte es wohl viel Stoff für Debatten gegeben – Stichworte zum Beispiel: Flüchtlingskrise, Rechtsruck in Deutschland und in Europa,

Spengler: "Tag und Nacht!"

Menasse: "Wir hätten Tag und Nacht darüber diskutiert, aber es gab doch durchaus unterschiedliche Auffassungen zwischen einigen jüngeren Autoren und Günter Grass, ob man da immer durch Presse-Aussendung sich einmischen muss oder nicht, das war etwas, was ihm quasi qua Nobelpreis nahelag, das er als eine bedeutende Stimme sich jederzeit äußern kann. Wir hatten da unsere Probleme damit, einige von uns, und wir haben das immer wieder diskutiert und es kam dann mal zu solchen schriftlichen Erklärungen und manchmal auch nicht. Und trotzdem heißt das nicht, dass dieses Treffen sich als etwas versteht, was jedes Jahr irgendein Bulletin herausgibt."

 

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