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Religionen / Archiv | Beitrag vom 13.07.2014

100 Jahre Erster Weltkrieg"Du sollst nicht töten!"

Über die Beziehung von Christentum und Krieg

Von Stefanie Oswalt

Nachdem am 1. August 1914 durch Kaiser Wilhelm II. die allgemeine Mobilmachung verkündet worden ist, ziehen deutsche Soldaten in den Krieg. (dpa picture alliance)
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs erfährt der Begriff "Heiliger Krieg" Hochkonjunktur, vor allem im deutschen Protestantismus. (dpa picture alliance)

Juli 1914, die europäischen Nationen rüsten zum Krieg. Im August beginnt das Gemetzel zwischen Heeren, die zu sehr großen Teilen aus getauften Christen bestanden. Ihre Anführer waren nicht nur die Staatschefs, sondern in Personalunion auch die obersten christlichen Hirten.

Rainer Kampling: "Das Grundsätzliche ist, dass das Christentum davon ausgeht, dass Krieg Kennzeichen dieser Welt ist. Also, sie kann sich zwar eine Welt ohne Krieg vorstellen, dann ist es nicht mehr diese Welt. Und Gewalt gehört zum Gründungsgeschehen des Christentums hinzu. Das kann man ja nicht schönreden."

Jörg Lüer: "Von der Lehre ist die Kirche Sakrament – und das heißt wirksames Zeichen, Zeugnis und Werkzeug – des Friedens."

Martin Dutzmann: "Grundsätzlich gilt das Gebot, du sollst nicht töten... und es gilt das Friedensgebot Jesu in der Bergpredigt. Von daher ist Androhung und Ausübung von Gewalt für Christenmenschen eigentlich nicht akzeptabel."

Hass, Mord und Krieg in der Bibel

Kaum waren Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben, begann, so erzählt es die Bibel, die Gewalt: Kain ermordet seinen Bruder Abel, und von da an zieht sich eine Blutspur durch die Erzählungen der heiligen Schrift – eine regelrechte Enzyklopädie von Hass, Mord, Totschlag, Rache und Krieg bis zur Hinrichtung von Jesus von Nazareth am Kreuz. Die Auseinandersetzung über Krieg und Frieden - sie ist eine der zentralen Fragen des Juden- und des Christentums und begann, lange bevor Jesus von Nazareth in der Bergpredigt seine Vision vom Frieden verkündete. Bis heute arbeiten wir uns dabei an den vielen Widersprüchen besonders in den Texten des Alten Testaments ab.

Sie sind Folge der Entstehungsgeschichte der Bibel, erklärt der jüdische Religionsphilosoph Michael Brumlik:

"Die Bibel ist eine Sammlung verschiedener Bücher, und entsprechend gibt es in der Sammlung verschiedener Bücher ganz verschiedene Gottesbilder. Da haben wir natürlich den einen gütigen Schöpfer der Erde und des Himmels und der Menschen und der Tiere. Dann haben wir auf der anderen Seite aber auch einen Gott, der dem Volk Israel in Treue verbunden ist und deswegen gegen dessen Feinde Feindschaft und Krieg walten lässt. Dann gibt es aber wieder den Gott des Völkerrechts, wie wir ihn etwa beim Propheten Amos finden."

Viele dieser Gottesbilder seien als Reaktion auf die blutrünstigen Götter der Assyrer entstanden sagt Brumlik, doch schon in den frühen Texten finde sich die Sehnsucht nach Ordnung und Frieden:

"Friede heißt ja Pax und auf hebräisch Shalom. Und Shalom heißt das Allumfassende, das Ganze. Und dieses allumfassende Ganze hat man sich als ein friedliches Zusammenleben der Völker, aber auch von Mensch und Tier vorgestellt."

So schreibt der Prophet Jesaja im Kapitel 2, Vers 3-4:

"Denn von Zion kommt die Weisung des Herren, aus Jerusalem sein Wort. Er spricht Recht im Streit vieler Völker, er weist mächtige Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk wird nicht mehr das andere angreifen, und übt nicht mehr für den Krieg."

Bergpredigt für Gewaltverzicht

Es war der jüdische Rabbi Jesus von Nazareth, der seinen Zeitgenossen in der Bergpredigt Gewaltverzicht predigte und sein Friedensverständnis radikal vorlebte:

"Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: 'Auge für Auge und Zahn für Zahn.' Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin." (Zitat Bergpredigt, Mt 5, 38)

Nicht einmal den ungerechten und qualvollen Hinrichtungstod am Kreuz versuchte Jesus zu verhindern. Als einer seiner Begleiter ihn bei seiner Verhaftung mit Waffengewalt verteidigen wollte, sagte Jesus dem Matthäus-Evangelium zufolge:

"Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen." (Zitat Mt 26, 52)

Der Kreuzigungstod und die Berichte von der Auferstehung beeindruckten die Zeitgenossen so sehr, dass sich die frühen Christen den radikalen Pazifismus Jesu Christi ebenfalls zu eigen machten. Micha Brumlik:

"Das waren die Stillen im Lande.Wobei die Urchristen, würd ich immer sagen, keine Christen, sondern eine jüdische Sekte gewesen sind. Die wurden dann zum Teil auch verfolgt, weil sie nicht bereit waren, dem Kaiser zu opfern und Tribut zu zollen, also da gab es schon bis in die Mitte des 2. Jahrhunderts sehr deutliche Christenverfolgungen durch die römischen noch heidnischen Soldatenkaiser."

Soldatendasein und christlicher Glaube

Die Frage nach dem Verhältnis von Recht und Gewalt hatte schon die jüdischen Tora-Gelehrten beschäftigt. Nun fragten die Urchristen nach der Vereinbarkeit von Soldatenberuf und Glauben, sagt Rainer Kampling, Professor für katholische Theologie an der Freien Universität Berlin:

"Die Grundhaltung ist bis ins 3. Jahrhundert hinein, wenn nicht sogar ins 4.: Das Soldat-Sein widerspricht derart dem Evangelium, dass man entweder seinen Beruf aufgeben muss. Oder eben warten muss auf die Taufe, bis man eben nicht mehr Soldat war. Oder darauf verzichten muss. Übrigens für Richter gilt das gleiche, weil sie die Todesstrafe verhängen mussten. Es gab eine Liste mit Berufen, die man besser nicht tauft. Das hängt damit zusammen, dass die Bußvorstellung sich entwickelt. Wenn Sie sagen: Die Taufe ist einmalig und die Taufe befähigt dazu, der Sünde zu entsagen, wie können Sie jemanden taufen, der hinaus geht und als nächstes jemanden tötet."

Tatian, Athenagoras, Tertullian, Origines, Cyprian – die Reihe der frühen Kirchenväter, die für Christen jede Form der Gewalt verworfen haben ist lang. Für heute noch bedeutend sind die Überlegungen des Kirchenvaters Augustinus von Hippo, ein Kind des 4. Jahrhunderts.

Rainer Kampling: "Der 'gerechte Krieg' – also wenn man nach Augustinus Krieg führen würde, gäb es keinen. Also man müsste zum Beispiel nachweisen, dass man keine bösen Gedanken dabei hat. Oder dass man wirklich nur aus reiner Not kämpft. Ich kann mich an keinen Krieg erinnern, wo es nicht darum ging, sein Land, seinen Besitz zu vermehren. Das wäre zum Beispiel kein gerechter Krieg. Eigentlich könnte man das augustinische Modell auch so lesen: Danach ist kein Krieg möglich."

Dramatische Veränderungen der Konstantinischen Wende

Augustinus erlebte unmittelbar die dramatischen Veränderungen, die die Konstantinische Wende von 313 für das Christentum mit sich gebracht hatte. Denn Kaiser Konstantin, der sich am Ende seines Lebens selbst taufen ließ, machte aus der phasenweise blutig verfolgten Kirche eine geduldete, die im Jahr 380 sogar zur Reichskirche aufstieg. Aus einer staatlich unabhängigen Institution wurde also eine Staatskirche und es dauerte nicht lange, bis diese Staatskirche nun andere Kulte verfolgte.

Die Auswirkungen der Verknüpfung von Kirche und Staat in Verbindung mit einem falsch verstandenen Missionsgedanken in den folgenden Jahrhunderten sind hinlänglich bekannt. Stichworte: Sachsenmission durch Karl den Großen, als "heilige Kriege" verbrämte Kreuzzüge, Glaubenskriege, Inquisition und Hexenverbrennungen, später dann die oft gewaltsame Kolonisation Amerikas und Afrikas, die nicht zuletzt auch christlich mit-legitimiert wurde. Andererseits ist es aber just die Kirche, die im Mittelalter versucht, die Gewalt zu kanalisieren.

Thomas Müller ist Domprediger am Berliner Dom und hat sich wegen dessen wechselvoller Geschichte viel mit dem Verhältnis von Krieg und Christentum befasst:

"Es gab eine mittelalterliche Situation, die war nicht geprägt von einer einheitlichen staatlichen Ordnung, von einem Gewaltmonopol, sondern es gab alle möglichen Fürsten, die gegeneinander kämpften, Banden usw. usf. – einer hat den anderen bekriegt und in diesem Zusammenhang wurde gesagt: Nein! Es braucht ein Gewaltmonopol: Es braucht eine Stelle, die legitim Gewalt anwenden kann, damit die anderen aufhören, Gewalt anzuwenden. Das war dann im sogenannten Landfrieden."

Damals wurde die bereits bei Augustinus aufgebrachte Frage nach dem "gerechten Krieg" weiter entwickelt.

Thomas Müller: "Das klingt für uns heute immer ganz scheußlich dieses Wort: 'der gerechte Krieg'. Aber es war ja ein Gegenbegriff gegen den Heiligen Krieg. Es war ein Krieg, der an Rechtsnormen gebunden worden ist, der an bestimmte ethische Kriterien gebunden worden ist, der klar beschrieben worden ist als etwas, was letztlich dazu dient, dass Gewalt endet."

Heilige Kriege auch in der Neuzeit

Der Westfälische Friede von 1648 beendete den 30-jährigen Krieg zwischen der Katholischen Liga und der Protestantischen Union – das Konzept religiös motivierter "heiliger" oder "gerechter" Kriege geriet in den Hintergrund. Was nicht heißt, dass die Formel vom Heiligen Krieg Anfang des 19. Jahrhunderts nicht wieder populär wird, sagt Theologe Kampling:

"Spätestens seit den Revolutionskriegen war Krieg zwar religiös verbrämt, aber in Wirklichkeit eine rein staatliche Geschichte, die ganz offensichtlich keiner religiösen Begründung mehr bedurfte, weil der Nationalismus an die Stelle der Religion getreten ist."

Und mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erfährt der Begriff "Heiliger Krieg" sogar Hochkonjunktur, vor allem im deutschen Protestantismus.

In seinem holzgetäfelten Dom-Prediger-Zimmer sitzt Thomas Müller unter den wuchtigen Ölgemälden, die die Porträts seiner Amtsvorgänger zeigen. Darunter auch Bruno Doehring. Wann immer heute von der engen Verknüpfung von Kaiserreich und Protestantismus gesprochen wird, fällt Doehrings Name.

Thomas Müller: "Am 2. August, vor dem Reichstag, wenige Monate nach seiner Amtseinführung hat er eine viel beachtete Rede gehalten zum Kriegsbeginn, wo er das Wort "Heiliger Krieg" verwendet – Heiliger Krieg, eine Metapher, die man heute nur in ganz anderen Zusammenhängen hört."

Bruno Doehring: "Ja, wenn wir nicht das Recht und das gute Gewissen auf unserer Seite hätten, wenn wir nicht – ich möchte fast sagen handgreiflich – die Nähe Gottes empfänden, der unsere Fahnen entrollt und unsrem Kaiser das Schwert zum Kreuzzug, zum Heiligen Krieg in die Hand drückt, dann müssten wir zittern und zagen. Nun aber geben wir die trutzig kühne Antwort, die deutscheste von allen deutschen: 'Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.'"

Thomas Müller: "Man fühlte sich da einfach kulturell überlegen gegenüber vielen anderen Nationen. Und damit hat sich der Protestantismus identifiziert, weil er sich ja als eine treibende Kraft dieser Kultur empfunden hat. Die Identifikation dieser deutschen Nation mit der Reformation, mit Luther war einfach unheimlich groß, so dass die Symbiose ganz stark empfunden worden ist. Man hätte als deutscher Protestant wohl nie geglaubt, dass es Deutschland überhaupt gegeben hätte ohne Luther, ohne die Reformation und ohne die Konfrontation mit diesen römischen Traditionen."

Weshalb es auch kaum protestantischen Widerstand gegen den Krieg gegeben habe. Friedensaufrufe wie der des schwedischen lutherischen Erzbischofs Nathan Söderblom stießen bei den deutschen Protestanten nicht auf Widerhall. Aber auch die Friedensinitiativen des Papstes blieben erfolglos, ein Trauma von dem sich der Katholizismus bis heute nicht erholt habe, sagt Theologe Kampling:

"Die Unfähigkeit von Benekdikt XV. als Friedenspapst aufzutreten, anerkannt zu werden, das ist wirklich ein Trauma. Also dass es ihm nicht gelungen ist, in Europa Frieden herbei zu führen. Also dass er keine Einwirkung hatte auf Italien, keine Einwirkungen auf die K.u.k-Monarchie, also dass man ihn schlicht und einfach nicht ernst genommen hat."

Hitler als Heilsbringer

Die protestantischen Christen erlebten die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg weitgehend als nationale Schmach und waren infolgedessen äußerst anfällig für die Versuchungen des Nationalsozialismus: Große Teile schlossen sich nach 1933 den so genannten Deutschen Christen an, die Adolf Hitler als Heilsbringer verehrten. Die als Protest entstandene Bekennende Kirche blieb eine Minderheitenbewegung.

Trotz des erneuten katastrophalen Versagens weiter Teile der Christenheit bestand nach den Erschütterungen des Zweiten Weltkriegs in den großen Kirchen kein grundsätzlicher Zweifel über die Vereinbarkeit von Christentum und Gewaltanwendung, und das trotz einer – ebenfalls von vielen Christen getragenen –pazifistischen Bewegung gegen den Rüstungswettlauf zwischen der Nato und dem Warschauer Pakt.

Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt brachte den Grund 1981 in einem Interview auf den Punkt:

"Die Idee der Bergpredigt unmittelbar auf die Außenpolitik unseres Staates zu übertragen, kann man leicht bewerten, indem man sie auf den extremen Fall anwendet: Was hätte es dem Frieden genützt, wenn ein ausländischer Staat Hitler oder Stalin auch noch die andere Backe hingehalten hätte? Der Irrtum derer, die Waffenlosigkeit predigen, liegt darin, dass sie die Lauterkeit der Motive bereits für den Erfolg halten. Wenn jedoch alle anderen zu Zeiten Stalins so gehandelt hätten würden sowjetische Divisionen nicht bloß an der Elbe, sondern am Rhein, an der Nordsee oder auf Kreta stehen."

Schon Mitte der 1960er-Jahre verkündete das Zweite Vatikanische Konzil der katholischen Kirche unmissverständlich:

"Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei."

Militärseelsorge in der Bundeswehr

Schon vorher hatte man bei der Neugründung der Bundeswehr im Jahr 1955 das Verhältnis von Kirche und Truppe vertraglich festgeschrieben, im Militärseelsorge-Vertrag von 1957. Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der EKD rühmt die kluge Konstruktion des Vertrages. Seit 2008 fungierte er sechs Jahre lang nebenamtlich als Militärbischof:

"Eine ganz wichtige Erkenntnis aus der Kriegszeit war: es muss a) Seelsorge in den Streitkräften geben und es darf b) nie wieder zu einer Militärkirche kommen. Und man hat sich dann entschlossen, dass die Militärpfarrer und Pfarrerinnen erstens Bundesbeamte auf Zeit sind, das heißt, man hat also dafür gesorgt, dass es eine permanente Fluktuation gibt, die Militärseelsorger sind Zivilisten. Das heißt, sie stehen in den Streitkräften außerhalb der Streitkräfte – eine ganz kluge Konstruktion."

Militärseelsorger spielen eine wichtige Rolle bei dem, was in der Bundeswehr als "Kultur der inneren Führung" entwickelt und gepflegt wird. Das sieht auch Jörg Lüer so. Der Historiker leitet das Berliner Büro von Justitia et Pax, einer katholischen Organisation, die weltweit Friedensarbeit leistet:

"Bei uns geht es darum, dass ein Soldat nicht einfacher Befehlsempfänger ist, sondern dass er in der Lage ist, auch eine ethische Einschätzung der Situation vorzunehmen, in der er sich befindet, dass er am Ende auch vor seinem Gewissen verantwortlich ist. Das heißt, wenn wir Leute erziehen wollen, die in der Lage wären, auch verbrecherische Befehle nicht auszuführen, dann muss das in ein Bildungsprogramm in die Streitkräfte mit hineingenommen werden. Das halten wir für eine Voraussetzung, dass Streitkräfte überhaupt legitim sein können."

Die Hoffnungen der Kirchen, das Ende des Kalten Krieges und der Zerfall der alten Machtblöcke nach 1989 würde auch eine neue Zeit weltweiten Friedens einläuten, erfüllten sich nicht: Zahlreiche regionale Konflikte, der Kampf gegen den Terror erzwingen heute wie jeher die Auseinandersetzung mit dem christlichen Friedenspostulat. Zwei große Denkschriften haben die katholische wie die evangelische Kirche zum Thema verfasst. Die Katholische stammt aus dem Jahr 2000 und heißt "Gerechter Frieden", die Protestantische "Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen". Sie erschien 2007 und dokumentiert einen Paradigmenwechsel, sagt Rainer Kampling:

"Das Paradigma hieß ganz lange: 'Gerechter Krieg'. Auch da ging es um eine Einhegung und Reduktion von Gewalt. Und hier sagt die EKD und die Bischofskonferenz auch: Das ist eigentlich die falsche Perspektive. Sondern wir müssen fragen nach dem gerechten Frieden, nach dem, was Frieden schafft in dieser Welt. Und hier sagt die Denkschrift: Gerechter Frieden ist ein Prozess. Und es geht darum Not abzubauen, Menschen von Gewalt zu befreien, ihre Freiheitsrechte zu stärken, kulturelle Vielfalt möglich zu machen. Darum geht es."

Auffallend ist der selbstkritische Ton, mit dem die Denkschrift das Versagen von Christen in der Vergangenheit reflektiert:

"Wenn Christen im interreligiösen Dialog die religiöse Legitimierung von Gewalt bei anderen thematisieren, so sollten sie nicht verschweigen, dass Teile ihrer eigenen Geschichte im Widerspruch zur Verkündigung Jesu von einer religiösen Überhöhung des Krieges gekennzeichnet und entstellt sind. Im Namen des christlichen Glaubens dürfen weder Heilige Kriege noch der Bellizismus propagiert werden. Wo Christen jedoch im Laufe ihrer Geschichte anders handelten, haben sie geirrt und sind an Gott und den Menschen schuldig geworden." (Zitat Denkschrift, 2007)

Militärdienst und Schuld

Wobei den heutigen Vertretern der Kirchen bewusst ist, dass sich Christen im Militärdienst zwangsläufig schuldig machen, auch wenn der Einsatz den hehren Zielen eines "gerechten Friedens" verpflichtet ist. Jörg Lüer und Martin Dutzmann.

Jörg Lüer: "Gleichzeitig ist aber auch eine Menschheitserfahrung, dass Recht nur funktioniert, wenn es auf Ordnung basiert. Es gibt das Motiv der legitimen Notwehr auch der Schutzverantwortung gegenüber anderen. Aber selbst wenn man das aus legitimen Gründen tut, ist es immer ein Desaster, es bleibt letztlich eine Niederlage, aber es kann immer noch die bessere Niederlage sein. Wenn man das akzeptiert, dann muss man auch sagen: Na gut. Verteidigt wird nicht mit Worten allein, sondern gelegentlich auch mit Waffen."

Martin Dutzmann: "Mir hat einmal ein pensionierter General gesagt: Ich kann nur Soldat sein, weil ich Christ bin. Darin steckt die Einsicht: Ich mache mich in diesem Beruf schuldig, auch wenn ich es für unabdingbar halte, dass der Staat in bestimmten Fällen Gewalt androht und ausübt und ich dann mich auch dafür zur Verfügung stelle. Ich weiß, dass ich mich schuldig mache, und das kann ich nur in der Gewissheit, dass ich eine Adresse habe, wo ich mit meiner Schuld hingehen kann."

Die Gefahr, dass die evangelische oder die katholische Kirche noch einmal zum Krieg blasen würden, schätzen Theologe Kampling und Domprediger Müller als gering ein. Zu präsent sei noch die Erinnerung an die großen Kriege des 20. Jahrhunderts. Aber sie warnen vor anderen christlichen Kirchen, die vor Gewalt nicht zurückschrecken: So gibt es, sagt Kampling, apokalyptische Strömungen bei einigen evangelikalen Kirchen, die einen großen Krieg als Vorbereitung des Weltendes befürworten. Und Müller warnt vor orthodoxen Kirchen, wie etwa in Russland, die die Heiligkeit der eigenen Nation beschwören.

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